Irak : Serie von Anschlägen in Bagdad

Keine 48 Stunden nach der Verabschiedung des neuen Wahlgesetzes hat erneut eine schwere Anschlagserie die irakische Hauptstadt erschüttert. Mindestens 120 Menschen verloren ihr Leben.

Martin Gehlen

Über 200 wurden zudem verletzt, als am Dienstagvormittag im Zentrum und im Süden Bagdads kurz hintereinander fünf Autobomben explodierten. Wie schon bei den Großanschlägen im August und Oktober, richteten sich die Selbstmordattentate auch diesmal wieder gegen Regierungsgebäude – unter anderem das Arbeitsministerium und das Ausweichquartier des im August verwüsteten Finanzministeriums sowie ein Justizkomplex nahe der stark gesicherten Grünen Zone. In Schutt und Asche gelegt wurde auch ein Marktplatz, zahlreiche Autos gingen in Flammen auf. Über der Stadt standen hohe Rauchwolken. Premierminister Nuri al-Maliki sprach von einem „feigen Versuch, Chaos zu stiften und die Wahlen zu verhindern”.

Am Dienstag früh hatte Präsident Jalal Talabani den 6. März als Termin für die nationale Abstimmung festgelegt. Das Wahlgesetz war erst am Sonntag kurz vor Mitternacht vom Parlament gebilligt worden, nachdem die Abgeordneten bei der künftigen Sitzverteilung der sunnitischen Bevölkerung erhebliche Zugeständnisse gemacht hatten. Das Votum gilt als Meilenstein für den Irak auf seinem Weg in die volle Souveränität. Bis Ende August 2010 sollen alle US-Kampftruppen abziehen, bis Ende 2011 auch alle Berater und Ausbilder das Zweistromland verlassen haben. In der Bevölkerung allerdings wachsen die Zweifel, ob die irakische Polizei und Armee in der Lage sind, ohne Hilfe der Amerikaner mit der Bedrohung durch die Terroristen fertig zu werden.

Die jüngste Attentatsserie ereigneten sich zudem wenige Tage vor der zweiten Versteigerung von Öllizenzen nach dem Sturz von Saddam Hussein, zu der sich Spitzenmanager zahlreicher Ölkonzerne in Bagdad angemeldet haben. Obwohl das Gebäude des Ölministeriums von der Wucht der Detonationen erschüttert wurde, erklärte ein Sprecher, man werde die Auktion am Freitag und Samstag nicht absagen. Irak erhofft sich von der Entwicklung seiner Öl- und Gasfelder zusätzliche Finanzmittel für den Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Landes. Bereits im Oktober hatte ein Doppelanschlag im Zentrum von Bagdad über 150 Menschen das Leben gekostet. Damals zündete ein Attentäter eine Lastwagen-Bombe in der Nähe des Justizministeriums. Ein zweiter Terrorist sprengte sich wenige Minuten später mit seinem Fahrzeug neben dem Gebäude der Provinzregierung in die Luft. Im August hatten Selbstmordattentäter bei einer ähnlichen Terroraktion zwei auf Lastwagen versteckte Sprengsätze vor dem Finanz- und Außenministerium gezündet und über 100 Menschen in den Tod gerissen.

Die Regierung in Bagdad macht Mitglieder von Al Qaida sowie sunnitische Anhänger von Saddam Hussein für die Mordtaten verantwortlich. Sie wirft vor allem dem Nachbarland Syrien vor, Al Qaida Kämpfer nach wie vor über die Grenze zu lassen und Drahtziehern der alten Baath-Partei Unterschlupf zu gewähren. Auch besteht der Verdacht, dass die Attentäter Komplizen bei den Sicherheitskräften haben. Alle konnten ungehindert durch die Straßensperren bis zu ihren Anschlagszielen im Herzen des Regierungsviertels vordringen.

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