Irak : Was geschieht, wenn die US-Truppen abrücken?

Der Machtkampf in Iran, aber auch das Vorrücken der Taliban in Afghanistan hat den Irak in letzter Zeit aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit verdrängt. Nach den jüngsten Anschlägen aber stellt sich erneut die Frage, wie stabil das Land wirklich ist.

Martin Gehlen

KairoDie Bombe war unter Gemüse und Obst versteckt. Augenzeugen sahen den Täter noch von der Motorrad-Rikscha abspringen und davonlaufen. Dann riss eine gewaltige Explosion 62 Menschen in den Tod - Bewohner des schiitischen Stadtteils Sadr-City im Norden Bagdads, die am Abend auf dem Mradi-Markt ihre Einkäufe machten. Viele der weit über hundert Verletzten – darunter Frauen und Kinder - wurden in den umliegenden Krankenhäusern noch auf den Fluren behandelt, als wenige Stunden später in einem Busbahnhof bereits die nächste Bombe hochging.

Der spektakuläre Machtkampf im Nachbarnland Iran, aber auch das Vorrücken der Taliban in Afghanistan und Pakistan hat den Irak in letzter Zeit aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit verdrängt. Nach der jüngsten Serie ungewöhnlich blutiger Anschläge jedoch liegt das Thema wieder auf dem Tisch: Wie stabil ist der Irak wirklich? Und was passiert, wenn die US-Truppen abrücken – wird das Land erneut in Chaos und Bürgerkrieg versinken? Letzten Samstag bereits starben nahe Kirkuk 72 Menschen durch eine Lastwagenbombe, über 200 wurden verletzt. Wenige Tage zuvor tötete eine Autobombe in Nasiriyah, der Hauptstadt der bis dahin weitgehend ruhigen Provinz Dhi Qar, 19 Menschen.

Al-Malikis wichtigste Herausforderung

Dabei will der Irak nächsten Dienstag groß feiern. Kinder brauchen nicht zur Schule, die Universitäten bleiben geschlossen, die Arbeit ruht. Und Regierungschef Nuri al-Maliki spricht von einem "großen Sieg". Denn bis zum 30. Juni werden alle 131.000 amerikanische Soldaten aus den irakischen Städten verschwunden sein – der Anfang vom Ende der sechsjährigen US-Invasion. Keine GIs patrouillieren mehr auf den Straßen von Bagdad, Kirkuk, Falludscha und Mossul. Sie bleiben auf ihren großen Militärbasen und dürfen nur noch eingreifen, wenn sie von der irakischen Regierung gerufen werden. Bis zum 31. August 2010 fährt dann der Großteil endgültig nach Hause. Bis Ende 2011 rücken auch noch die restlichen 35.000 bis 50.000 Mann ab. In vielen Städten ist das Kommando bereits offiziell an die Iraker übergegangen, die inzwischen 250.000 Soldaten und 500.000 Polizisten aufbieten können. Auch die innerstädtische Militärbasis in Sadr-City hatten die Amerikaner kurz vor dem jüngsten Anschlag nach einer kleinen Feier geräumt.

Für Premierminister Nuri al-Maliki ist dieser militärische Wachwechsel die wichtigste Herausforderung seiner politischen Laufbahn. Und er gibt sich selbstbewusst. Zwar warnte er vor neuen Angriffen Aufständischer, "die das Vertrauen in die irakischen Sicherheitskräfte erschüttern sollen". Gleichzeitig aber kündigte er an, seine Regierung werde bei künftigen Kampfeinsätzen keine amerikanischen Truppen mehr zu Hilfe holen. Das Volk dagegen ist skeptischer. Als in Sadr-City kurz nach der Detonation erste irakische Uniformierte auf der Szene erschienen und in die Luft schossen, um Schaulustige zu vertreiben, begann die Menge sie wütend zu beschimpfen und mit Steinen zu bewerfen. "Unsere Sicherheitskräfte sind unfähig, das Volk zu schützen", empörte sich ein junger Mann gegenüber lokalen Reportern.

Mehr noch: Auch bei zentralen politischen Reformen tritt die Regierung auf der Stelle. Es fehlt immer noch ein nationales Ölgesetz, welches die Einnahmen gerecht auf alle Landesteile verteilt. Keine Lösung gibt es für Kirkuk, wo Kurden und Araber heftig um die Dominanz in der Stadt kämpfen. Auch hat das Parlament immer noch kein Gesetz verabschiedet, das es der Regierung erlauben würde, effektiver gegen die atemberaubende Korruption im Land vorzugehen. "Präsident Obama kann es sich nicht leisten, den Irak zu verlieren", meint Kenneth Pollack, Experte für den Mittleren Osten bei der Brookings Institution, einem renommierten Think Tank in Washington. "Alles andere hätte unabsehbare Folgen – für Nachbarstaaten wie Saudi-Arabien und Syrien, aber auch für die ganze Region." Das Weiße Haus reagierte ungerührt. Die Zahl der schweren Anschläge sei in den letzten Monaten kontinuierlich zurückgegangen, erläuterte Sprecher Robert Gibbs. Nein, der Präsident habe keine neuen Zweifel, versicherte er. "Das Datum für den Rückzug wird eingehalten."

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