Iran : 130 Jugendliche in Todeszellen

Nach Angaben von Human Rights Watch sind seit 2005 nur noch in fünf Staaten Jugendliche exekutiert worden. Der Iran kennt keine Gnade.

Martin Gehlen

Kairo - Der Henker kam um 11 Uhr vormittags. Vor vier Wochen wurde der junge Seyyed Reza Hejazi im Zentralgefängnis von Isfahan hingerichtet. Niemand durfte in seinen letzten Stunden noch zu ihm, sein über Nacht aus Teheran herbeigeeilter Rechtsanwalt wurde morgens am Gefängnistor abgewiesen. Hejazi ist einer von 26 Jugendlichen, die in den letzten drei Jahren im Iran gehängt worden sind. In keinem Land der Welt hat es etwas Vergleichbares gegeben. Nach Angaben von Human Rights Watch sind seit 2005 nur noch in fünf Staaten Jugendliche exekutiert worden: In Saudi-Arabien und Sudan zwei, in Pakistan und Jemen jeweils einer. Vor drei Jahren haben auch die USA die Todesstrafe für Minderjährige endgültig abgeschafft. Doch Irans Justiz kennt keine Gnade: 130 jugendliche Täter sitzen momentan in den Todeszellen.

Auch als Präsident Mahmud Ahmadinedschad vergangenen Dienstag vor der UN-Vollversammlung in New York auftrat, nahm Irans Atomprogramm erneut den Großteil der internationalen Aufmerksamkeit in Anspruch – nicht aber die Menschenrechte. „In der Amtszeit von Ahmadinedschad hat die Lage einen neuen Tiefpunkt erreicht“, beklagt Human Rights Watch. Die Zahl der Exekutionen hat sich auf 317 im Jahr 2007 verdreifacht, immer mehr Frauenrechtlerinnen werden von Revolutionsgerichten zu Haftstrafen verurteilt, und Bürgerrechtler sitzen ohne Anklage hinter Gittern.

Der gehenkte Seyyed Reza Hejazi war 15 Jahre, als er in eine Rauferei geriet und versuchte, die Kampfhähne zu trennen. Einer schlug ihm ins Gesicht, sagte er später aus. Er zückte sein Messer und stach zu. Das Opfer starb wenig später im Krankenhaus – bis zum Schluss hat Hejazi beteuert, er habe nicht töten wollen. Ähnlich auch der Fall des Ende August in Schiraz hingerichteten Behnam Zaare, der jetzt das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) veranlasste, den Iran scharf zu warnen: „Diese Hinrichtungen sind eine klare Verletzung von internationalem Recht, was ein absolutes Verbot der Todesstrafe für minderjährige Täter festlegt.“

Aber auch im Iran regt sich Widerspruch. Der Teheraner Rechtsanwalt Mohammad Mostafaei, der beide Hingerichteten vor Gericht vertreten hat, hat zusammen mit einem Dutzend Kollegen und Menschenrechtlern eine Petition an den iranischen Justizminister Ajatollah Mahmoud Hashemi Shahroudi geschrieben und verlangt, die Exekution jugendlicher Straftäter abzuschaffen. Eine Antwort haben sie bisher nicht.Martin Gehlen

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