Iran : "Der Präsident ist ein Populist"

Der frühere iranische Außenminister Ebrahim Yazdi spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über Ahmadinedschad, die Wirkung Obamas und die Bedeutung der Wahl für die internationalen Beziehungen Irans.

Yazdi
Ebrahim Yazdi -Foto: Tsp

Ebrahim Yazdi (78) war der erste iranische Außenminister nach der islamischen Revolution im Februar 1979. Er trat aus Protest gegen die Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran am 4. November 1979 von seinem Amt zurück. Yazdi studierte in den Vereinigten Staaten Medizin, war anschließend in der Krebsforschung tätig und hat zahlreiche Bücher über Molekularbiologie, aber auch über Politik geschrieben. Seit 1995 ist Yazdi Chef der "Freiheitsbewegung", einer Oppositionspartei, die von dem Regime 2002 für illegal erklärt wurde. Der Vater von sechs Kindern lebt mit seiner Frau Sourour in Teheran.

Herr Yazdi, Iran wählt einen neuen Präsidenten. Die vier Kandidaten haben sich nichts geschenkt, der Wahlkampf war in den letzten beiden Wochen ungewöhnlich intensiv, teilweise auch aggressiv. Wie ist die Stimmung im Land?

Viele Menschen sind von Präsident Ahmadinedschad enttäuscht, selbst unter seinen Anhängern ist die Unzufriedenheit groß - wegen der Wirtschaft, aber auch wegen der schlechten internationalen Beziehungen des Iran. Die Forderung seiner Herausforderer, der Iran brauche ,Change', trifft auf immer mehr Zustimmung. Ich bin sicher, dass die Wahlbeteiligung sehr hoch sein wird.

Haben die Reformer eine Chance auf Sieg?

Niemand kann die Wahl in der ersten Runde gewinnen. Wenn es am Wahltag nicht zu Manipulationen mit Urnen und Stimmzetteln kommt, wird es eine Stichwahl geben zwischen Mahmud Ahmadinedschad und Mir-Hossein Mussawi. Dann hat Mussawi eine sehr gute Chance, der nächste Präsident des Iran zu werden.

Der amerikanische Präsident Barack Obama hat sich in Kairo mit einer Grundsatzrede an die muslimische Welt gewandt. Spielte das im Wahlkampf eine Rolle?

Die Menschen hier beschäftigen vor allem die wirtschaftlichen und innenpolitischen Probleme des Landes. Dennoch haben viele im Iran die versöhnliche Haltung Obamas gegenüber der muslimischen Welt sehr begrüßt. Die Iraner sind überzeugt, dass der amerikanische Präsident es ernst meint.

Wenn der neue iranische Präsident gewählt ist, wird es dann eine rasche Annäherung zwischen Iran und den USA geben?

Präsident Ahmadinedschad wollte die Beziehungen zu den USA so schnell wie möglich verbessern, um seine Chancen auf Wiederwahl zu erhöhen. Das hat nicht geklappt. Sollte er für eine zweite Amtszeit gewählt werden, wird er daran weiterarbeiten. Wenn ein Reformer wie Mussawi oder Karroubi gewählt wird, wird es einfacher gehen. Allerdings hängt ein solcher politischer Kurswechsel nicht allein vom Präsidenten ab. Das letzte Wort hat Revolutionsführer Ali Chamenei. Aber es gibt im Iran einen ernsthaften Willen, sich mit den Vereinigten Staaten auszusöhnen.

Die Fernsehduelle zwischen den vier Kandidaten in den letzten Tagen beschäftigten sich auch mit der iranischen Außenpolitik und der Leugnung des Holocaust von Präsident Ahmadinedschad. Welche Rolle spielt das Ansehen Irans im Ausland für das Volk?

Der Präsident ist ein Populist, er wendet sich an die einfachen Leute im Iran und in den arabischen Ländern. Doch selbst manche seiner Anhänger sind inzwischen überzeugt, dass die Leugnung des Holocaust dem internationalen Ansehen des Irans geschadet hat.

Wo könnten Iran und die Vereinigten Staaten in Zukunft zusammenarbeiten?

Der Mittlere Osten durchlebt tief greifende Veränderungen. Für eine bessere Zukunft nenne ich zwei Aspekte: Der Nahostkonflikt muss gelöst werden, Israel muss die UN-Resolutionen umsetzen und die Palästinenser müssen ihren eigenen Staat bekommen. Das wird die Lage grundlegend verändern. Der zweite Aspekt: Es wird keine wichtige Veränderung hier in der Region mehr geben ohne die strategische Beteiligung und Mitsprache des Iran - denken Sie an Irak, Afghanistan oder Zentralasien. Wenn es zu einer Aussöhnung kommt zwischen den USA und dem Iran, werden alle Seiten davon profitieren.

Und was ist mit dem heißesten Eisen, dem iranischen Atomprogramm?

Das hängt natürlich davon ab, wer am Ende die Wahlen gewinnt. Aber eins ist klar: Auch wenn Ahmadinedschad weiter Präsident bleibt, er muss etwas tun, um die Krise zu lösen - durch Verhandlungen und durch einen Kompromiss. Es gibt einen Konsens im Iran, dass dieser Konflikt um das Atomprogramm friedlich und mit diplomatischen Mitteln gelöst werden sollte.

Das Interview führte Martin Gehlen.

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