Iran : Ein gestohlener Sieg

Der iranische Regisseur Makhmalbaf über Mussawi, den Kampf der Opposition und Bürgerjournalisten.

Marina Forti

Mohsen Makhmalbaf, iranischer Regisseur von internationalem Ruf, hat in diesen Tagen eine Rolle, die für einen Cineasten ungewöhnlich ist: Er ist halb offizieller Sprecher von Mir-Hossein Mussawi, dem gemäßigten iranischen Präsidentschaftskandidaten der Wahlen vom 12. Juni. Keine offizielle Stimme, das stellt er selbst klar: „In jener Nacht bekam ich einen Anruf aus Teheran, und man fragte mich, ob ich als Brücke zur Außenwelt fungieren könne, um weiterzugeben, was passiert.“ Er bezieht sich auf die Nacht vom Freitag, den 12. Juni, auf Samstag.

„Als die Wahllokale noch nicht geschlossen waren, wurde Mussawis Wahlzentrale von etwa zwanzig Bewaffneten gestürmt, die vor allem alle Kommunikationsmöglichkeiten zerstörten, angefangen bei den Computern, und die Kommunikationsexperten festnahmen. Das Ziel war klar. Man muss dabei im Übrigen bedenken, dass genau in dieser Zeit die Regierung den SMS-Dienst einstellen ließ.“ Genau zu dieser Zeit bitten die Mitarbeiter des Kandidaten Mussawi den Regisseur, der in Europa ist, Sprecher der Ereignisse zu werden.Am Dienstag war er in Rom, wo er die internationale Presse traf.

„Dies ist nicht einfach Betrug, es ist ein Staatsstreich“, betont der Regisseur. „In der Nacht rief der Wahlleiter im Innenministerium bei Mussawi an, um ihm seinen Wahlsieg anzukündigen; kurz danach kamen Offizielle der Revolutionsgarden zu seiner Wohnung, um ihm zu bedeuten, dass er sich nicht als Wahlsieger erklären dürfe.“ Danach berief Mussawi in der Nacht eine improvisierte Pressekonferenz ein, um zu erklären, „dass man uns den Sieg stiehlt“. Schließlich verkündete am Morgen darauf der geistliche Führer Ali Chamenei den Sieg von Präsident Mahmud Ahmadinedschad, „noch bevor sich der Wächterrat erklärt hatte: Er beachtete nicht einmal die juristischen Prozeduren“, bemerkt der Regisseur.

„Wir bitten Sie heute, einem Land eine Stimme zu geben, das unter der Zensur steht“, sagt Makhmalbaf. „Die Auslandskorrespondenten wurden weggeschickt, die Information beschränkt. Aber die Iraner selbst sind Bürgerjournalisten geworden: Sie fotografieren mit ihren Handys und riskieren dabei ihr Leben, sie stellen Filmaufnahmen auf Youtube, damit die Welt erfährt, was passiert. Nur deshalb wissen wir, dass viele getötet und Hunderte verletzt wurden.“

Über sein Land sagt Makhmalbaf: „Die Islamische Republik ist schon lange nicht mehr dieselbe. Wo eine Republik war, steht ein Diktator.“ Der Kampf der iranischen Opposition sei ein friedlicher Kampf, „wie der von Gandhi und Mandela“, betont der Filmemacher. „Was wir wollen? Einen demokratischeren Iran, wo ein Mädchen nicht mit Schlagstöcken geprügelt wird, weil ihr Schleier schlecht sitzt, wo die Öleinnahmen eingesetzt werden, um die Wirtschaft wiederaufzubauen und nicht für Atombomben oder um Aufstände im Libanon zu finanzieren.“ Die nächsten Schritte der Opposition seien ein Generalstreik sowie Aktionen des zivilen Ungehorsams sein. „Auch wenn es Ahmadinedschad gelingen sollte, mit Hilfe von Repression zu regieren, wird er keinen Tag Ruhe haben.“ An die internationale Gemeinschaft appellierte Makhmalbaf, Ahmadinedschad nicht als Präsidenten anzuerkennen.

Die Autorin ist Auslandschefin der italienischen Zeitung „Il Manifesto“. Aus dem Italienischen von Andrea Dernbach.

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