Iran : Präsident Rowhani stellt sich gegen Assad

Bislang stützte der Iran den syrischen Herrscher Baschar Al-Assad fast uneingeschränkt. Doch der neue Staatschef Hassan Rowhani will von einer Nibelungentreue nun nichts mehr wissen.

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Irans Präsident Hassan Rowhani stellt sich gegen Syrien und gegen Machthaber Ali Chamenei.
Irans Präsident Hassan Rowhani stellt sich gegen Syrien und gegen Machthaber Ali Chamenei.Foto: AFP

Die chemische Qualität des eingesetzten Sarin, Bauart, Kennung und Flugbahn der untersuchten Raketen, das Wetter am Morgen des Angriffs, die in den Proben gefundenen Stabilisatoren – Laboranalysen und technische Details im Bericht der UN-Inspektoren legen nur einen Schluss nahe: Verantwortlich für das Giftgasmassaker am 21. August ist das syrische Regime. Bisher hat der Iran als engster Verbündeter von Damaskus in der Region auf die „überwältigenden und unwiderlegbaren Ergebnisse“ sowie die „erschreckende Lektüre“, wie sich UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ausdrückte, noch nicht offiziell reagiert.

Doch die Absetzbewegungen der neuen Führung unter Präsident Hassan Rowhani von Syriens Diktator Bashar al-Assad nehmen zu, ebenso wie die Spannungen zwischen den verschiedenen Machtzentren der Islamischen Republik im Ringen um den künftigen Syrienkurs. Und so schlug Rowhani in einer sehr sorgfältig intonierten Rede vor Offizieren der Revolutionären Garden weitere Pflöcke ein. Deren Führung, die direkt dem Obersten Revolutionsführer Ali Chamenei untersteht, hatte noch letzte Woche verkündet, man werde Assad „bis zum letzten Atemzug“ verteidigen. Rowhani dagegen ließ die Hardliner der Elitebrigaden wissen, sie sollten sich nicht in die Politik einmischen, und Iran werde auch einen anderen Staatschef in Syrien akzeptieren als Assad. „Wen immer die syrischen Bürger wählen, ihr Land zu regieren, wir sind damit einverstanden“, erklärte Rowhani.

Seit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten und den Giftgasvorwürfen gegen Damaskus treten die widerstreitenden Interessen des Iran in der Syrienkrise immer offener zutage. Teheran lehnt den Einsatz von Chemiewaffen kategorisch ab und fordert energisches Einschreiten der internationalen Gemeinschaft gegen solche Kriegsverbrechen. Seine Bevölkerung war im irakisch-iranischen Krieg selbst Opfer von Giftgasangriffen Saddam Husseins. Bis heute leiden noch fast 50.000 Menschen an den Spätfolgen. Darüber hinaus möchte die Islamische Republik ihr Verhältnis zum Westen und allen voran zu den Vereinigten Staaten entspannen, ein Ziel, bei dem eine weitere, absolute Nibelungentreue zu Assad nur hinderlich wäre.

Nächste Woche reist Rowhani zur Vollversammlung der Vereinten Nationen nach New York, um für Vertrauen zu werben und in der Außenpolitik seines Landes einen Neuanfang zu setzen. Umgekehrt fühlt sich die Islamische Republik ihrem jahrzehntelangen Verbündeten Syrien verpflichtet, will das Land als Drehscheibe zur Versorgung der Hisbollah-Milizen im Libanon nicht verlieren und fürchtet eine wachsende sunnitische Dominanz in der Region, sollte das Assad-Regime stürzen.

Aus diesen Gründen hatte der Iran das syrische Regime bis vor kurzem noch praktisch bedingungslos unterstützt. Teheran lieferte große Mengen an Waffen, darunter die bestialischen Fässerbrandbomben, die von Hubschraubern auf Häuser abgeworfen werden. Zuletzt im Juli erhielt Damaskus einen neuen 3,6 Milliarden Kredit zum Einkauf von Diesel und Benzin. Und die Zahl der iranischen Berater auf dem Schlachtfeld scheint nach wie vor beträchtlich. Neben den mindestens 2000 Elitekämpfern der Hisbollah befinden sich nach Informationen des britischen „Independent“ 4000 Revolutionäre Garden auf syrischem Boden, die aus Assads gefürchteten Milizionären paramilitärische Einheiten bilden sollen.

Erstmals tauchte dazu jetzt ein Video auf, in Ausschnitten gesendet von dem niederländischen Nachrichtenkanal NOS. Ausführlich redet ein iranischer Kommandeur vor der Kamera über seinen Einsatz in der Region Aleppo und das Spezialtraining syrischer Soldaten im Iran. Er bestreitet, dass Syriens Armee gegen die eigene Bevölkerung kämpft und spricht von einem Konflikt „zwischen Islam und Ungläubigen“. Das mehrstündige Filmmaterial, das die Rebellen erbeuteten, zeigt die uniformierten Iraner auf Kontrollfahrten, in ihrer Unterkunft und zuletzt in heftigen Gefechten mit Assad-Gegnern. Der Kameramann und auch der Kommandeur kamen dabei ums Leben. Beide wurden Mitte August in ihren Heimatorten im Nordiran begraben.

 

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