Iran und die arabischen Staaten : "Bombardiert Iran - oder lebt mit der iranischen Bombe"

"Schlagt der Schlange den Kopf ab, bevor es zu spät ist", soll ein saudischer König gefordert und damit einen US-Angriff auf den Iran gemeint haben. Nach den Wikileaks-Veröffentlichungen herrscht am Golf nun betretenes Schweigen.

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Raketenstart im Iran.
Raketenstart im Iran.Foto: dpa

Vor zwei Jahren im April saß der saudische König Abdullah mit amerikanischen Gästen in seiner Residenz von Riad zusammen. „Mehrfach“ habe der Monarch während des Gesprächs einen amerikanischen Angriff auf den Iran gefordert, sollte später einer der anwesenden Diplomaten im Protokoll vermerken. Teherans Atomwaffenprogramm müsse gestoppt werden. „Schlagt der Schlange den Kopf ab, bevor es zu spät ist“, gipfelte die Philippika des offenbar mit der Wüstenfauna vertrauten Herrschers. Seit Wikileaks in der Nacht zu Montag 250.000 Dateien mit Diplomatenkorrespondenz ins Internet stellte, herrscht unter den Potentaten am Golf betretenes Schweigen. Was bisher nur in vertraulichen Runden geäußert wurde, ist jetzt schwarz auf weiß im Internet nachlesbar. Ungeschminkt spiegeln die Depeschen der US-Botschaften an ihr Außenministerium in Washington wieder, was die meisten Regime im Nahen und Mittleren Osten wirklich über die Islamische Republik denken. Die Araber betrachten Teherans Regime als Übel, Lügenbolde und Störenfriede, die sich ständig in ihre Angelegenheiten einmischen, obendrein eine Atombombe bauen wollen und „uns alle in einen Krieg hineinziehen werden“, wie Ägyptens Präsident Hosni Mubarak klagte. Ähnlich rüde fällt auch das Urteil über das iranische Führungspersonal aus. „Unterm Strich kann man ihnen nicht trauen“, erklärte Saudi-Arabiens König Abdullah einem US-Diplomaten. Und Mubarak ließ einen durchreisenden US-Kongressabgeordneten wissen, der Iran mache immer nur Probleme.

„Die ganze Sache ist sehr negativ und nicht gut für künftige Vertrauensbildung“, heißt es jetzt kleinlaut aus Riad, zumal die peinlichen Enthüllungen das Königreich faktisch führerlos erwischen. König Abdullah liegt nach einer Bandscheibenoperation in einem New Yorker Hospital, sein hoch betagter Stellvertreter ist ebenfalls schwer krank. Aber auch die Diplomaten der übrigen Golfstaaten beißen sich verlegen auf die Lippen. Denn während ihre Herrscher offiziell jedes militärische Vorgehen gegen den Iran strikt ablehnten, drängten sie hinter verschlossenen Türen die USA völlig unverblümt zu einem Angriff auf die Atomanlagen der Islamischen Republik. „Das Programm muss beendet werden, egal mit welchen Mitteln“, erklärte Bahrains König Hamad bin Isa al-Khalifa in einem Gespräch mit dem damaligen US-Oberbefehlshaber in der Region, General David Petraeus. „Das Ganze weiter laufen zu lassen, ist gefährlicher, als es zu stoppen“, fügte er hinzu. Jordaniens damaliger Senatpräsident Zeid Rifai wurde noch deutlicher: „Bombardiert Iran - oder lebt mit der iranischen Bombe. Sanktionen oder Angebote – das alles wird nichts bringen“, sagte er. Selbst Qatars Premierminister Hamad bin Jassim bin Jaber al-Thani, der sich stets seiner besonderen Beziehungen zu Teheran rühmt, forderte unter vier Augen drastische Aktionen. „Die Iraner belügen uns und wir belügen die Iraner“, lautete die Begründung für sein Doppelspiel.

Abu Dhabis Kronprinz Mohammed bin Zayed al-Nahyan, der gleichzeitig Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, nannte den Iran eine „existentielle Bedrohung” für sein Emirat. Ein baldiger konventioneller Krieg gegen Teheran sei auf jeden Fall besser als die langfristigen Konsequenzen eines nuklear bewaffneten Iran, räsonierte er. Zumal die US-Geheimdienste inzwischen annehmen, dass Nordkorea der Islamischen Republik 19 Mittelstreckenraketen geliefert hat, die Atomsprengköpfe tragen und große Teile Europas erreichen könnten, auch Deutschland. Sogar mit Adolf Hitler verglich Abu Dhabis Kronprinz seinen Gegenspieler Mahmud Ahmadinedschad – auch wenn er einräumte, dass dessen wahre Absichten ihm nach wie vor rätselhaft sind. „Eine Kultur, die geduldig und konzentriert genug ist, Jahre an einem einzigen Teppich zu arbeiten, kann auch Jahre oder gar Jahrzehnte abwarten, um noch höhere Ziele zu erreichen“, schrieb er im Blick auf Teheran in einer diplomatischen Depesche. Seine größte Sorge allerdings sei nicht „was wir bereits über den Iran wissen, sondern was wir noch nicht wissen“.

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