Politik : Irland: Ehrenwert und klug - nur leider zu hölzern

Martin Alioth

Nicht nur in Deutschland ringt die Opposition mit der kniffligen Aufgabe, im wirtschaftlichen Aufschwung ein griffiges und kämpferisches Profil zu gewinnen. Aus Verzweiflung über enttäuschende Meinungsumfragen hat Irlands Oppositionspartei Fine Gael jetzt ihren Vorsitzenden John Bruton gestürzt - eine außerordentlich riskante Strategie angesichts der Tatsache, dass Mitte des kommenden Jahres Neuwahlen in Irland stattfinden müssen.

Der ehemalige Premierminister verlor am Montagabend eine Misstrauensabstimmung innerhalb seiner Parlamentsfraktion mit 39 gegen 33 Stimmen. Fine Gael ist die größte Oppositionspartei Irlands, jede alternative Regierung müsste die Partei federführend mit einschließen. Bei der letzten Parlamentswahl kam Fine Gael 1997 noch auf 28 Prozent, doch die jüngste Meinungsumfrage versprach bloß noch 20, im entscheidenden Dubliner Raum gar nur 11 Wählerprozent.

Trotz einer EU-Rüge über den letzten, allzu freigebigen Haushalt der Republik Irland und zahlreichen alten Korruptionsskandalen steigt die Popularität der Regierung, einer Minderheitskoalition. Ein marodes Gesundheitswesen, streikende Lehrer und das fast völlige Fehlen eines öffentlichen Transportsystems böten Angriffspunkte in Hülle und Fülle. Nicht einmal der Umstand, dass ein Parteikollege des Premierministers zum Zeitpunkt der Publikumsbefragung im Gefängnis saß, schien die Begeisterung der Wählerschaft zu dämpfen.

Fine Gael ist - wie die regierende Fianna Fail-Partei - eine konservative, populistische Volkspartei. Beide Parteien entsprangen einst der alten Sinn Féin-Partei, zerstritten sich aber über den Freistaatsvertrag mit Großbritannien im Jahre 1921 und führten anschließend einen Bürgerkrieg gegeneinander. Nach einem kurzen Flirt mit faschistischen Bewegungen fand Fine Gael in den 70er und 80er Jahren eine überzeugende, sozialdemokratische Linie. Mit 39 Prozent erzielte die Partei unter der Führung von Garret Fitzgerald 1982 das beste Ergebnis ihrer Geschichte.

Doch die erfolgreiche Mischung aus sozialdemokratischer Umverteilung und wirtschaftsliberaler Deregulierung ist in der Zwischenzeit von anderen Parteien besetzt worden. John Bruton, der die Partei zehn Jahre lang führte, wurde mangelndes Charisma vorgeworfen, aber keiner seiner Widersacher vermochte bisher die dringliche Frage nach der Existenzberechtigung Fine Gaels zu beantworten.

Die Debatte der letzten Tage klammerte programmatische Themen gänzlich aus, und auch persönliche Animositäten spielten keine Rolle. Denn Bruton gilt bei Freund und Feind als ehrenwerter Mann, als Feuerwerk von detaillierten Reformideen, aber er vermochte diesen Gedankenfluss nicht zu einem zusammenhängenden Ganzen zu verweben. Im Parlament blieb er ein hölzerner, oftmals allzu höflicher Gegenspieler des wendigen und trügerisch treuherzigen Premierministers Bertie Ahern.

An diesem Freitag werden sich drei ehemalige Minister um die Nachfolge Brutons bewerben. Keiner von ihnen wird die irische Öffentlichkeit zu Begeisterungsstürmen bewegen, aber vielleicht vermag der neue Oppositionschef wenigstens den parteiinternen Hunger auf ein günstiges Wahlergebnis neu zu entfachen.

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