Irland : Frieren für Europa

Einschränken, verzichten, kürzer treten. Seit 2008 hören die Iren nichts anderes. Nun wollten ihnen Politiker in einem „Bürgerdialog“ erklären, dass Europa nicht die Ursache der Probleme ist, sondern die Lösung. Aber die Wut ist viel zu groß.

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„Was hier passiert, ist eine Schande.“ Die Sozialarbeiterin Norah Sweetman beim Bürgerdialog in Dublin. Foto: David Nowak
„Was hier passiert, ist eine Schande.“ Die Sozialarbeiterin Norah Sweetman beim Bürgerdialog in Dublin. Foto: David Nowak

Sie meldet sich schon seit fast einer Stunde. Als ihr rechter Arm schwer wird, stützt sie ihn mit dem linken. Sie will unbedingt etwas fragen. „Hey, ich bin Norah“, beginnt sie, als sie das Mikrofon endlich in der Hand hält. Alle schauen sie an, 200 Zuschauer in der Dublin City Hall, zwei Fernsehkameras und vorne auf der Bühne zwei Politikerinnen. Wegen ihnen sind heute alle hier. Auf der orangefarbenen Wand des Saals steht: „Es geht um Europa. Es geht um DICH.“ Die irische Europaministerin und die Vize-Präsidentin der Europäischen Kommission haben soeben das europäische Jahr der Bürger 2013 eröffnet. Es gab Häppchen für alle. Sie lächeln. Norah Sweetman lächelt nicht.

Schon lange hat Norah ihre Frage im Kopf und Wut im Bauch. Am Tag vor dem europäischen Bürgergespräch steht sie im Garten hinter ihrem Haus in Dublin und hackt Holz. Sie holt weit aus, zwei Schläge, und der Scheit ist gespalten. „Wenn es geht, dann lasse ich die Heizung lieber aus“, sagt sie und atmet schwer. Ihre Kinder sind erwachsen, sie lebt allein und heizt nur noch für sich selbst und ihren Hund. Drinnen im Wohnzimmer stapeln sich Decken, ganz oben liegt eine Wärmflasche mit Schafspelzhülle. „Gas wird immer teurer, sie haben die Zuschüsse gekürzt.“ Sie, das sind die irischen Politiker.

2010 musste Irland als erster Staat Hilfen vom europäischen Rettungsschirm beantragen, den irischen Banken drohte der Bankrott. Heute gilt Irland unter den Krisenländern als Musterschüler und wirtschaftet das sechste Jahr hintereinander mit einem Sparhaushalt. Der diesjährige ist der härteste. Die Iren müssen Kürzungen und Steuererhöhungen von 3,5 Milliarden Euro verkraften – auch um die Forderungen ihrer europäischen Gläubiger zu bedienen. „Wieso spart die Regierung ausgerechnet bei den Ärmsten, um die Banken zu retten?“, fragt Norah.

Die Not erlebt Norah täglich. Sie arbeitet mit all denen, die die Krise besonders hart trifft: Alte, Arme, Kinder, Behinderte. Die 57-jährige ist Sozialarbeiterin, viele ihrer Projekte wurden schon gestrichen, weil der Staat sparen muss. Mit den Menschen bleibt sie trotzdem in Kontakt. Sie ist hier im Arbeiterviertel Sandymount geboren und aufgewachsen, kennt hier fast jeden. Sie klopft an die Tür eines Gemeindehauses. „Girls?“, ruft sie und tritt dann ein. Auch hier wird nur sparsam geheizt. Im Büro warten Carmel Magee, 84, und Una Heroy, 91 Jahre alt, auf Norah. Sie sind das leitende Komitee des Altenclubs. Sie haben heute so viel zu erzählen, dass sie sich gegenseitig ins Wort fallen. Jeden Tag im Radio, sagen sie, hören sie von neuen Kürzungen oder Gebühren.

„Hast du die Alarmgeschichte mitbekommen?“, fragt Una Heroy. Norah schüttelt den Kopf. „Das Gerät, das wir um den Hals hängen haben, um im Notfall Hilfe rufen zu können. Das gab es bisher für 60 Euro im Jahr“, erzählt die alte Frau mit den weißen Locken. Nun solle es bald mindestens das Doppelte kosten. „Und wisst ihr, wie sie es begründen?“, fragt sie und grinst ein bisschen schief. „Wir verwenden sie angeblich zu selten wieder. Wenn also einer in unserer Gemeinde krepiert, dann sollen wir ihm das Ding ab jetzt vom Hals nehmen und dem nächsten umhängen.“ Carmel Magee, Una Heroy und Norah kichern.

Seit Beginn der Krise hören die Iren von ihren Regierenden, dass sie über ihre Verhältnisse gelebt haben. Jetzt sollen sie sich einschränken. Tatsächlich erlebte das Land zu Zeiten des „Celtic Tigers“, zwischen 1995 und 2008, nicht nur ein immenses Wirtschaftswachstum um jährlich bis zu zehn Prozent, sondern gab auch entsprechend viel aus – doch davon profitierte schon damals nicht jeder gleich. „Wir waren doch viel zu sehr mit arbeiten beschäftigt, um uns zu amüsieren“, sagt Carmel Magee. Sie glaube manchmal, dass die Zeit zwischen der letzten Rezession in den 80er Jahren und der heutigen nur ein schöner Traum war.

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