Politik : Irland verliert die Geduld mit Rom

Beziehungen leiden unter Missbrauchsdebatte

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So schlecht waren die Beziehungen zwischen dem katholischen Irland und dem Vatikan noch nie. Nach einer harten Attacke von Premierminister Enda Kenny auf die Leitung der katholischen Kirche hat Rom seinen Botschafter in Dublin, Erzbischof Giuseppe Leanza, zu Beratungen zurückgerufen – ein für den Vatikan beispielloser diplomatischer Affront. Irland wiederum lässt den eigenen, im Juni durch Pensionierung freigewordenen Botschafterposten beim Papst unbesetzt.

Auslöser der Krise war der „Cloyne-Report“. Es ist bereits der vierte von einer Regierungskommission erstellte Bericht über die tausendfachen Missbrauchsfälle in den Diözesen Irlands. Wie seine 2005 und 2009 erschienenen Vorgänger, so beschuldigt auch das neue, gut 400-seitige Dokument die Kirche, die Vergehen von Priestern – vierzig in diesem Fall – vertuscht und weder den staatlichen Behörden noch der kircheninternen Strafverfolgung angezeigt zu haben. Untersucht wurden Vorgänge in der südirischen Diözese Cloyne im Zeitraum zwischen 1995 und 2009; Hauptbeschuldigter ist der damalige Bischof John Magee, der sich – so der Bericht – für das Thema sexueller Missbrauch von Kindern „wenig oder gar nicht interessiert“ habe. Magee, der zwischen 1969 und 1982 sogar persönlicher Sekretär dreier Päpste war, hatte die Behandlung von Missbrauchsfällen an einen Mitarbeiter abgetreten. Dieser, so der Bericht, habe die Anschuldigungen gegen Kleriker zwar für glaubwürdig gehalten, aber nichts unternommen; nicht einmal der innerkirchlichen Anzeigepflicht sei die Diözese Cloyne damit nachgekommen.

Premierminister Kenny nutzte die Ergebnisse des Berichts nun zu einem schweren Angriff auf den Vatikan. Der Heilige Stuhl habe die Ermittlungen eines „souveränen und demokratischen Staates behindert“, sagte er im Parlament. „Vergewaltigung und Folter von Kindern wurden heruntergespielt, nur um die Macht und den Ruf der Institution Kirche zu erhalten.“ Dies sei ein Beispiel für das „elitäre Denken, den Narzissmus und die Entfernung von der Realität“, wie sie in der „Kultur des Vatikans“ vorherrschten.

Kenny hat – so lassen sich die irischen Medien interpretieren – nur die Stimmung im Volk wiedergegeben und der Forderung im eigenen Land Nachdruck verliehen, der Papst solle „endlich etwas unternehmen“. Der Vatikan antwortete, die eigenen „objektiven und entschlossenen“ Untersuchungen, der „Prozess der Buße und der Reinigung“ gingen voran; man sei „im Zeitplan“.

Anfang 2010 hatte Benedikt XVI. die Oberhirten der 26 irischen Diözesen nach Rom zitiert. Sie mussten ein Dokument gegen die „abscheulichen Verbrechen“ des sexuellen Missbrauchs unterschreiben und – an die eigene Adresse gerichtet – das „Versagen der kirchlichen Autoritäten in Irland über viele Jahre hinweg“ zugeben.

Im März 2010 schrieb der Papst dann einen Hirtenbrief an die irischen Katholiken, in dem er „Demut, Scham und Reue“ bekundete und die schuldigen Kleriker anklagte, sie hätten „der Kirche und dem öffentlichen Bild vom Priestertum schweren Schaden zugefügt“. Die Täter sollten nunmehr „offen ihre Schuld zugeben, ohne etwas zu verheimlichen“, sowie „persönlich Schadenersatz leisten“. Dann schickte der Papst fünf Erzbischöfe zu einem umfassenden Kontrollbesuch nach Irland. Seit dieser „Apostolischen Visite“ und dem Rücktritt von insgesamt fünf Bischöfen ist aber nichts weiter passiert, und Irland wird nun ungeduldig.

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