IS, Al Qaida & co. : Wie tickt der Terror?

Ihr gemeinsames Ziel ist der tausendfache Tod unschuldiger Zivilisten. Aber so sehr sie sich in ihrer Absicht ähneln, so unterschiedlich werden die Islamisten radikalisiert. Eine Typologie der Terroristen.

von
Ein Pakistaner solidarisiert sich mit einem der Attentäter von Paris.
Ein Pakistaner solidarisiert sich mit einem der Attentäter von Paris.Foto: AFP

Die Anschläge in Paris könnten das Werk der zwei gefährlichsten Terrororganisationen der Welt gewesen sein. Die Täter haben als Auftraggeber Al Qaida und die in Syrien und dem Irak wütende Miliz „Islamischer Staat (IS)“ genannt. Chérif Kouachi, der mit seinem Bruder die Redaktion von „Charlie Hebdo“ überfallen hatte, behauptete kurz vor seinem Tod in einem Telefoninterview, die jemenitische Al Qaida habe ihn geschickt. Sie selbst macht sich den Terror in Paris nun auch zu eigen – egal wie groß der Anteil von Al Qaida auch gewesen sein mag.
Der dritte Täter, Amedy Coulibaly, der in dem koscheren Supermarkt Menschen erschoss und Geiseln nahm, berief sich in einem Video, das kurz nach seinem Tod in einem Dschihadisten-Chat erschien, auf den IS. Sollten die Angaben der Terroristen stimmen, hätten Al Qaida und der IS gemeinsam Frankreich attackiert. Wahrscheinlich muss auch Deutschland ein solches Szenario befürchten.
Um die Dimension der Gefahr zu bewerten, ist ein Blick auf die Angriffe von Islamisten notwendig, denen die Bundesrepublik bislang ausgesetzt war. Da ist schnell zu erkennen, dass der Terror viele Gesichter hat. Von den trainierten Attentätern, die Al Qaida und andere Organisationen entsandt haben, bis zum „einsamen Wolf“, der sich zuhause am Computer radikalisiert hat und auf eigene Faust handelt, war in den vergangenen 15 Jahren alles dabei.
Das Jahr 2000 gilt in den Sicherheitsbehörden als Zäsur. Damals nahm die Polizei in Frankfurt am Main eine Gruppe Algerier fest, die mit einer Nagelbombe den Weihnachtsmarkt in Straßburg verwüsten wollten. Erstmals wurde Deutschland auf heimischem Boden in solchem Ausmaß mit dem Phänomen des Dschihadismus konfrontiert.
Schon eine nur an Terrorakten orientierte Typologie der Islamisten, mit denen es die Bundesrepublik zu tun hat, ist vielfältiger, als es die meist primitive, blutrünstige Propaganda der Szene vermuten lässt. Anhand einiger exemplarisch anmutender Fälle lassen sich seit 2000 auflisten: der Auftragsmörder, den eine Terrororganisation gezielt instruiert hat oder der zumindest mit ihr in Kontakt steht. Der Märtyrer, der sich auf einem der Schlachtfelder des Dschihad opfert, bis hin zum Selbstmordattentat. Der Rückkehrer, der im syrischen Bürgerkrieg gekämpft hat und dann wieder nach Deutschland reist – mit welchem Motiv auch immer. Der Propagandist, der über das Internet gegen Deutschland hetzt und zum Anschlag aufruft. Der Spendensammler, der von der Bundesrepublik aus eine Terrortruppe mit Geld und auch „nützlichen“ Gegenständen für einen Anschläge unterstützt. Der einsame Wolf, eine Figur des „homegrown terror“ jenseits aller bekannten Gruppierungen und bis zur Tat nahezu unbekannt. Und damit einer der gefährlichsten Islamisten überhaupt.

Der Auftragsmörder

Ähnlich, wie es nun in Paris gewesen sein soll, haben Al Qaida und weitere Terrororganisationen auch potenzielle Mörder nach Deutschland geschickt oder sogar von hier aus für Verbrechen in einem anderem Staat rekrutiert. Der härteste Fall sind die Selbstmordflüge der Studenten Mohammed Atta, Marwan al Shehhi und Ziad Jarrah, die in Hamburg studiert hatten und am 11. September 2001 drei der vier entführten Passagiermaschinen steuerten. Über den in der Hansestadt lebenden Deutschsyrer Muhammad Haidar Zammar kamen die Männer und weitere Mitglieder der „Hamburger Zelle“ in Kontakt mit Al Qaida. Atta, al Shehhi und Jarrah reisten dann 1999 nach Afghanistan, wo Osama bin Laden sie für den Terrorangriff auf die USA auswählte. Die 9/11-Geschichte bleibt wohl auf lange Zeit die grausigste Dschihadistengeschichte mit direktem Bezug zu Deutschland. Zammer ist übrigens heute im syrischen Bürgerkrieg aktiv.
Al Qaida hat jedoch auch Islamisten nach Deutschland geschickt, damit sie hier Anschläge verüben. Im Jahr 2011 flog die „Düsseldorfer Zelle“ auf, die Anschläge mit Splitterbomben mitten in großen Menschenmengen geplant haben soll. Als Anführer gilt der Marokkaner Abdeladim el K., er soll vom „Außenminister“ der Al Qaida, dem inzwischen inhaftierten Scheich Yunis al Mauretani, den Auftrag zum Angriff in der Bundesrepublik erhalten haben. In einer Mail soll Abdeladim el K. dem Scheich mitgeteilt haben, „ich trainiere einige Jugendliche aus Europa. Nach dem Training werde ich mit dem Schlachten der Hunde beginnen.“ Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilte den Marokkaner und drei mutmaßliche Komplizen im November 2014 zu hohen Haftstrafen. Die Verteidiger von drei Angeklagten haben Revision eingelegt.
Mutmaßlich Scheich Yunis al Mauretani war es auch, der 2010 in Wasiristan den Berliner Deutschtürken Yusuf O. und den Österreicher Maqsood L. nach Europa schickte, um sich für „Operationen“ bereitzuhalten. Die im Umgang mit Waffen und Sprengstoff ausgebildeten Männer wurden 2011 in Wien und Berlin festgenommen. Was mit „Operationen“ gemeint war, stellte die Polizei bei der Auswertung einer Speicherkarte von Maqsood L. fest. Da wird unter der Überschrift „Serienkilling“ vorgegeben, im Westen Geiseln zu nehmen, sie zu töten und dabei zu filmen. „Video nach Mord direkt zu Al Qaida“, heißt es in der Anleitung. Anfang 2013 verurteilte das Berliner Kammergericht die beiden Männer zu mehreren Jahren Haft.

Die auch in Wasiristan aktive, usbekische Terrorgruppe Islamic Jihad Union (IJU) wollte ebenfalls Deutschland massiv angreifen. Ihre Handlanger waren die Mitglieder der Sauerlandgruppe um den deutschen Konvertiten Fritz Gelowicz. Die IJU hatte ihn und zwei Kumpane in Wasiristan instruiert. Der Trupp bereitete dann in der Bundesrepublik Anschläge mit Autobomben auf US-Einrichtungen vor. Die Polizei nahm die drei Männer 2007 im sauerländischen Oberschledorn in einer dramatischen Aktion fest. Die Terroristen und ein Unterstützer erhielten vom Oberlandesgericht Düsseldorf hohe Haftstrafen.
Auch von der irakischen Terrorszene ging schon lange vor dem Siegeszug des IS Gefahr aus. Im Dezember 2004 wollte ein Mitglied der Organisation Ansar al Islam den damaligen Ministerpräsidenten des Irak, Ijad Allawi, bei einem Deutschlandbesuch in Berlin ermorden. Der potenzielle Attentäter, der in Berlin lebende kurdische Iraker Rafik Y., hatte von einem hochrangigen Mitglied der Ansar al Islam in Baden-Württemberg die Genehmigung zum Anschlag erhalten. Die Polizei zog Rafik Y. gerade noch rechtzeitig aus dem Verkehr. Das Oberlandesgericht Stuttgart verhängte gegen Rafik Y. und zwei Mittäter harte Strafen.
Die aus Algeriern bestehende Meliani- Gruppe, die im Dezember den Straßburger Weihnachtsmarkt mit einer Nagelbombe attackieren wollte, stand in Verbindung mit der Terrororganisation GSPC (Groupe Salafiste pour la Prédication et Combat). Die GSPC hat Algerien mit zahlreichen Anschlägen heimgesucht und sich 2006 Al Qaida angeschlossen. Einer der Hauptfeinde von „Al Qaida im islamischen Maghreb“ ist Frankreich, das einst Kolonialmacht in Nordafrika war und das algerische Regime im Kampf gegen den Terror unterstützt.

Der Märtyrer

Es erscheint zwangsläufig, dass Dschihadisten im Dschihad sterben. Oft sogar gewollt. Die drei Selbstmordpiloten von 9/11 wollten unbedingt, anderen Terroristen hingegen wurde die militärische Überlegenheit des Gegners zum Verhängnis. In Wasiristan kamen 2010 der Saarländer Eric Breininger und der aus Berlin stammende Niederländer Danny R. als Mitglieder der Gruppe „Deutsche Taliban Mujahideen“ bei einem Gefecht mit pakistanischen Sicherheitskräften ums Leben. Und in der Konfliktregion Afghanistan-Pakistan trat auch der erste Selbstmordattentäter auf, der in Deutschland geboren war. Im März 2008 sprengte sich der aus dem bayerischen Ansbach stammende Türke Cüneyt Ciftci in der afghanischen Provinz Khost in die Luft. Er riss zwei US-Soldaten und zwei Afghanen mit in den Tod.
In der Konfliktregion Syrien-Irak ist der Blutzoll unter Dschihadisten aus Deutschland noch erheblich höher. Bis zu 60 hätten dort den Tod gefunden, sagen Experten. Zehn der Toten sollen sich als Selbstmordattentäter geopfert haben.
So makaber es klingt: mit dem Tod der Dschihadisten im fernen Ausland hat sich die von ihnen ausgehende Gefahr für die Bundesrepublik keineswegs erledigt. Die Toten, erst recht die Selbstmordattentäter, gelten in weiten Teilen der deutschen Salafistenszene als Märtyrer, als Helden – und als Vorbilder. Womöglich auch für Anschläge hier.

Der Rückkehrer

Von den ungefähr 600 Salafisten, die aus Deutschland in die Konfliktregion Syrien-Irak gezogen sind, sollen laut Sicherheitsbehörden ungefähr 180 wieder nach Deutschland gekommen sein. Welche Gefahr von solchen Rückkehrern ausgeht, hat sich gerade in Belgien gezeigt. Allerdings ist kein Pauschalurteil möglich. Einige sind traumatisiert von der Brutalität der Kämpfe, andere hingegen fühlen sich als Veteranen und bleiben in der salafistischen Szene – vermutlich mit der Absicht, auch in der Bundesrepublik militant zu agieren. Das könnte auf Nils D. aus Dinslaken zutreffen. Der am 10. Januar in der niederrheinischen Staat festgenommene Konvertit soll ein Jahr lang bei der Terrormiliz „Islamischer Staat“ gewesen sein. Sicherheitskreise rechnen Nils D. der „Lohberger Gruppe“ zu. Der Trupp aus dem Dinslakener Viertel Lohberg, knapp ein Dutzend Salafisten, war 2013 nach Syrien gereist.
Im Gegensatz zu Nils D. halten Sicherheitsexperten drei weitere Rückkehrer der Lohberger Gruppe für „desillusioniert“. Ein Grund für die Traumatisierung könnte sein, dass inzwischen mindestens vier Lohberger in Syrien-Irak ihr Leben verloren haben. Einer, Philipp B., starb als Selbstmordattentäter bei einem Angriff auf einen Posten kurdischer Kämpfer im Irak. Die drei anderen kamen bei Kämpfen ums Leben.
Zwei weitere Rückkehrer aus Syrien, der Berliner Fatih K. und der aus Frankfurt am Main stammende Fatih I., müssen sich seit dem 8. Januar vor dem Berliner Kammergericht verantworten. Die beiden Männer sollen in Syrien bei der tschetschenischen Terrorgruppe „Junud al Sham“ eine paramilitärische Ausbildung erhalten haben. Die Bundesanwaltschaft geht auch davon aus, dass sich Fatih K. in Syrien an Kämpfen beteiligt hat.
Fatih K., ein Mann ohne Beruf, aber mit sieben Kindern, ist ein alter Bekannter des Kammergerichts. Die Richter hatten ihn 2011 wegen finanzieller Unterstützung der „Deutschen Taliban Mujahideen“ zu 20 Monaten Haft verurteilt. Der Haftbefehl gegen Fatih K. wurde jedoch aufgehoben, da der Strafsenat keine Fluchtgefahr sah und der Salafist Reue bekundet hatte – offenbar ein Täuschungsmanöver.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben