IS und Al Qaida im Jemen : Grenzenloser Terror auf der Arabischen Halbinsel

Nie zuvor gab es auf der Arabischen Halbinsel so viele Anschläge auf Schiiten. Besonders betroffen: das Bürgerkriegsland Jemen, wo IS und Al Qaida wüten.

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Ein Kämpfer der Huthi-Rebellen inspiziert den Ort eines Autobombenanschlags in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.
Ein Kämpfer der Huthi-Rebellen inspiziert den Ort eines Autobombenanschlags in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa.Foto: dpa

Die Trauergemeinde hatte sich gerade versammelt, da zerfetzte eine Autobombe die abendliche Stille. Meterhoch züngelten die Flammen, Hausmauern stürzten ein, Panik brach unter den Gästen aus, Verletzte wälzten sich stöhnend am Boden. Mindestens 30 Menschen kostete das jüngste Attentat des „Islamischen Staates“ in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa das Leben. Nach ihren Glaubensbrüdern in Saudi-Arabien und Kuwait traf der IS-Terror in der Nacht zum Dienstag diesmal die jemenitischen Schiiten. Man habe „im Namen der Muslime Rache genommen an den Huthi-Gotteslästerern“, hieß es in dem Online-Bekennerschreiben der Gotteskrieger.

Im Jemen starben im vergangenen Vierteljahr mindestens 250 Schiiten

Noch nie zuvor in den vergangenen Jahrzehnten gab es auf der Arabischen Halbinsel eine derart blutige Serie von Selbstmordattentaten auf schiitische Moscheen. In Kuwait starben vergangenen Freitag 26 Menschen, 227 wurden verletzt. Zuvor erlebten die saudischen Schiiten im Osten des Königreichs zwei IS-Anschläge, durch die 25 Menschen in den Tod gerissen wurden. Im Jemen starben im vergangenen Vierteljahr mindestens 250 Schiiten.

Und so beginnt sich der von Riad im März vom Zaun gebrochene Luftkrieg gegen die Huthis im Jemen nun auch als blutige innerislamische Konfrontation zwischen Sunniten und Schiiten in die übrige Arabische Halbinsel hineinzufressen. Überall agiert der „Islamische Staat“ sozusagen als Brandbeschleuniger, der für seine Attentate offenbar vor allem junge Saudis rekrutieren kann. Denn im Jemen profitieren in erster Linie die Extremisten von dem Kriegschaos. Anderthalb Jahrzehnte lang dominierte „Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAP) das Geschehen, die als die gefährlichste Filiale des Terrornetzwerkes gilt. Erst jüngst gelang es ihr, um die südjemenitische Hafenstadt Mukalla herum eine eigene Scharia-Enklave zu schaffen.

Gleichzeitig herrscht im Jemen erbitterter Bürgerkrieg

Vor drei Monaten etablierte sich nun auch der „Islamische Staat“ als Terrorkonkurrent. „Wir dürsten nach Blut, um die Sunniten zu rächen und das von ihnen geraubte Land zurückzuerobern“, deklamierte ein vermummter Kommandeur vor der üblichen martialischen Kulisse seiner schwarz gekleideten Mit-Dschihadisten. Wenige Tage später folgte das erste Video, auf dem jemenitischen Soldaten die Köpfe abgeschnitten wurden. Nahezu jede Woche wird das Land seitdem durch Selbstmordanschläge erschüttert.

Gleichzeitig herrscht in den meisten Städten des Jemen erbitterter Bürgerkrieg, der immer mehr Wohnviertel und Infrastruktur in dem Armenhaus der arabischen Welt in Schutt und Asche legt.

Die Leidtragenden sind vor allem die 24 Millionen Einwohner

Auf der einen Seite kämpfen Huthi-Rebellen zusammen mit Truppeneinheiten, die dem 2012 abgesetzten, langjährigen Präsidenten Ali Abdullah Saleh loyal sind. Ihnen gegenüber steht ein Bündnis aus Truppen, die dem nach Saudi-Arabien geflohenen Präsidenten Abed Rabbo Mansour Hadi gehorchen, sowie Islah-Muslimbrüdern, Separatisten des früheren Südjemen und lokalen Stammeskriegern.

Die Leidtragenden sind vor allem die 24 Millionen Einwohner. Mehr als 2600 Jemeniten wurden bisher durch die Luftangriffe getötet, mehr als 11.000 verletzt. Die Hälfte der Bevölkerung leidet Hunger, eine Million Menschen ist auf der Flucht. Bei Kämpfen in der Hafenstadt Aden wurde kürzlich die einzige Raffinerie des Landes in Brand geschossen. Schon jetzt gibt es in einem halben Dutzend der 21 Provinzen keinerlei Sprit mehr. Saudische und ägyptische Kriegsschiffe blockieren die Seehäfen, sodass keine Lebensmittel und Medikamente ins Land kommen. Und die Verhandlungen über einen Waffenstillstand unter Leitung der Vereinten Nationen in Genf wurden vor zwei Wochen beendet – ohne jedes Ergebnis.

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