IS und Kurden kämpfen um Kobane : Der Terror wird stark, wenn der Westen schwächelt

In Kobane stoßen zwei Welten aufeinander - der Westen und der "Islamische Staat". Wer den Aufprall überlebt, befeuert die eigene Sache. Dem Verlierer stehen harte Zeiten bevor. Höchste Zeit, dass auch die Nato eingreift. Ein Kommentar.

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Türkische Soldaten in der Nähe der syrischen Grenze.
Türkische Soldaten in der Nähe der syrischen Grenze.Foto: dpa

Der Kampf um Kobane ist zu einem Symbol geworden. Der Name der kurdischen Stadt im Norden Syriens reiht sich ein in die Liste jener Orte, in denen in jüngster Zeit Geschichte gemacht, geschrieben und entschieden wurde. Benghasi, Falludscha, Kabul, Mogadischu, Srebrenica. Für die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) geht es vordergründig um die Kontrolle über ein großes zusammenhängendes Gebiet an der Grenze zum Nato-Land Türkei. Für die internationale Militärallianz unter Führung der USA geht es vordergründig um die Verteidigung der Stadt, den Schutz der Zivilisten, eine Schwächung des IS. Doch in Wahrheit geht es um sehr viel mehr. In Kobane stoßen zwei Welten aufeinander. Wer den Aufprall überlebt, befeuert die eigene Sache. Dem Verlierer stehen harte Zeiten bevor.

Der verhasste Westen soll gedemütigt werden

Der „Islamische Staat“ entstand aus den Resten Al Qaidas im Irak. Als Barack Obama Ende 2011 seine Truppen von dort abzog, konnte sich die Bewegung ungehemmt im syrischen Bürgerkrieg entfalten und ist nun ähnlich totalitär wie es die vorherige um Osama bin Laden war. Der IS verfolgt ein doppeltes Ziel. Zum einen soll ein streng religiös fundiertes Kalifat geschaffen werden, das die gesamte islamische Welt umfasst. Zum anderen soll der verhasste Westen gedemütigt werden. Der „Westen“ ist für Islamisten eine Chiffre. Sie steht für Materialismus, Liberalismus, Emanzipation, Individualismus, Dekadenz und Sittenverfall. Der Westen scheint stark zu sein, ist aber innerlich schwach: Diese Überzeugung kompensiert die eigene Rückständigkeit und motiviert zu terroristischen Aktionen, die die Verwundbarkeit des Westens demonstrieren sollen. Die Attraktivität des militanten Islam steigt in dem Maße, in dem das gelingt.

Nach langem Zögern hat Amerika den Kampf nun aufgenommen

Entgegen also der landläufigen Meinung, dass westliche Interventionen die Ausbreitung des Dschihadismus gefördert haben, ist in der Regel das Gegenteil richtig: Al Qaida und der IS florierten, als der Westen auf dem Rückzug war. Für Amerika fing die Serie der Blamagen 1979 im Iran an, als der Schah gestürzt wurde und die Mullahs die Macht übernahmen. Sie setzte sich 1983 mit der Vertreibung aus dem Libanon und 1993 mit der aus Somalia fort und gipfelte in den Anschlägen vom 11. September 2001. „Der Westen ist bereit, kalte Kriege zu führen, aber unvorbereitet, heiße Kriege zu führen“, hatte kurz zuvor Osama bin Laden getönt. Es folgten Afghanistan- und Irakkrieg mit deutlicher Schwächung der Terrororganisation. Als dann Obama erneut den Abzug verkündete, in Libyen nur „von hinten“ führen wollte und den syrischen Despoten mit dem Einsatz von Chemiewaffen ungestraft eine rote Linie überschreiten ließ, setzte die Dynamik wieder ein – der Ergebnis ist der IS.

Der Kern der Koalition muss aus der Nato bestehen, dem mächtigsten Militärbündnis der Welt

Nach langem Zögern hat Amerika den Kampf dagegen aufgenommen. Doch gewinnen lässt sich die Mission nur ohne selbst auferlegte Schranken und mit viel Geduld. Unerlässlich ist auch das Schmieden einer tragfähigen Koalition. Ihr Kern muss aus der Nato bestehen, dem mächtigsten Militärbündnis der Welt, in enger Kooperation mit „willigen“ arabischen Partnern sowie stetigen Konsultationen mit dem UN-Generalsekretär. Der größte Feind des Westens ist sein Hang zur Routinisierung der Gefahrenabwehr. Außerdem muss er sich derer in den eigenen Reihen erwehren, die ihm das Recht absprechen, seine Werte verteidigen zu dürfen. Der IS saugt seine magnetische Kraft aus momentanen Erfolgen. Die gilt es, ihm mit aller Macht zu verwehren. Als Erstes, hoffentlich, in Kobane.

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