Islam-Studie : Schäuble schürt Vorurteile gegen Muslime

Eine Studie des Innenministeriums scheint alle Vorurteile zu bestätigen: Sie gibt vor, viele Muslime seien gewaltbereit. Sieht man sich die Zahlen näher an, ist die Lage nicht ganz so dramatisch. Sorge bereiten aber vor allem die Jungen.

Nicole Meßmer

BerlinBundesinnenminister Wolfgang Schäuble ist das ganze Jahr über nicht müde geworden, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Deutschland „im Fadenkreuz radikaler und fanatischer Gewalttäter“ stehe und insbesondere die Gefahr von Anschlägen „aus unserer Mitte heraus“ eine besondere Herausforderung darstelle. Genau mit diesen Worten beginnt die Studie „Muslime in Deutschland“, die das Bundesinnenministerium in Auftrag gegeben hat. Auf den ersten Blick sind die Ergebnisse Besorgnis erregend und liefern Vorurteilen gegenüber Muslimen neuen Nährstoff.

Es ist vor allem eine Zahl, die bei den Zusammenfassungen der Studie sofort ins Auge sticht: Jeder vierte Befragte gebe an, er sei bereit, körperliche Gewalt gegen Ungläubige anzuwenden, wenn es der islamischen Gemeinschaft diene, heißt es in Medienberichten. Rund sechs Prozent der Befragten stufen die Autoren als „gewaltaffin“ ein, 14 Prozent zeigten eine problematische Distanz zur Rechtsstaatlichkeit. Es handelt sich um erschreckende Zahlen, die sich jedoch relativieren, sieht man sich die Ergebnisse etwas genauer an.

85 Prozent lehnen Gewalt ab

Die Wissenschaftler Peter Wetzel und Katrin Brettfeld haben die Studie in vier Einzelteilen durchgeführt: eine repräsentative Telefonbefragung, eine Umfrage unter Schülerinnen und Schülern sowie unter Studierenden und zu guter Letzt Interviews im Umkreis von islamischen Vereinen und Organisationen.

Betrachtet man die Ergebnisse der ersten, repräsentativen Befragung, erscheinen sie deutlich weniger bedrohlich:  Demnach lehnen 85 Prozent Gewalt im Sinne der islamischen Gemeinschaft rundweg ab. Nur etwas mehr als drei Prozent beantworten die Frage nach Gewaltbereitschaft im Falle einer Bedrohung des Islams mit ja. Problematisch erscheint allerdings, dass sich das Bild gerade bei jungen Muslimen verändert: Immerhin 24 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler stimmen der Aussage eher zu, 16 Prozent sind unentschieden.

Zwölf Prozent der Muslime in Deutschland identifizieren sich laut der Autoren mit einer stark religiös-moralischen Kritik an westlichen Gesellschaften, kombiniert mit der Befürwortung von Körperstrafen bis hin zur Todesstrafe. Schäuble bezeichnete dies als „ernstzunehmendes islamistisches Radikalisierungspotenzial“. Also genau das, wovor er die ganze Zeit über warnt.

Jugendliche Aggression kommt von Ausgrenzung

Der Kultur- und Sozialanthropologe Werner Schiffauer aus Frankfurt an der Oder relativiert die Ergebnisse im Interview mit der "Frankfurter Rundschau" und weist darauf hin, dass die Studie ebenso zu dem Schluss käme, dass demokratiefeindliche Einstellungen bei nicht-muslimischen Deutschen etwa ebenso häufig anzutreffen seien. Es könne nicht einfach geschlussfolgert werden, der Islam fördere Demokratiefeindlichkeit, so der Wissenschaftler.

Die Islamisierung der Jugendlichen führt Schiffauer insbesondere auf ihre Ausgrenzung zurück: „Jugendliche etwa, die in der dritten Generation in Deutschland leben,werden als Ausländer wahrgenommen. Ihre zentrale Erfahrung ist, dass sie sich als Deutsche fühlen und trotzdem ausgegrenzt werden. Dann suchen sie nach Antworten, woher diese Diskriminierung kommt“, erklärt er weiter.

Gestern wurden auch die Ergebnisse des siebten Berichts der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer über die Lage von Ausländern in Deutschland vorgestellt, der diese Erklärung bestätigt. Die Zukunftsaussichten  für Migranten in Deutschland sind demnach wenig rosig. Das Risiko, arbeitslos zu werden, sei doppelt so hoch wie bei Einheimischen, so die Studie. (mit AFP)

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