"Islamischer Staat" und Arabien : Opfer eigenen Versagens

Die Dschihadisten des "Islamischen Staats" überrollen immer größere Gebiete Arabiens mit ihrem Terror. Am Ende die muss die islamische Welt mit dem IS und dessen religiöser Gewaltideologie alleine fertig werden – auch wenn es Jahre dauert. Ein Kommentar.

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Bisher ist der Kampf gegen die Terrormiliz ohne durchschlagenden Erfolg.
Bisher ist der Kampf gegen die Terrormiliz ohne durchschlagenden Erfolg.Foto: REUTERS

In Syrien und Irak beherrschen sie ein Gebiet wie Großbritannien. In Libyen etablieren sie in Gaddafis Geburtsstadt Sirte ihre nächste Terrorzentrale – mit Blick auf Europa und das Mittelmeer. Selbst in Ägyptens Hauptstadt Kairo operieren die schwarzen Gotteskrieger Woche für Woche mit Mordanschlägen und Megabomben. Noch nie hat eine Terrorbewegung die arabische Welt so in ihren Fundamenten erschüttert wie die Dschihadisten des "Islamischen Staates" (IS). In Taktik und Kampfdisziplin sind sie ihren staatlichen Kontrahenten überlegen, die – wie im politischen Bagdad – nach wie vor im Salon über die Sitzordnung streiten, während über ihrem Kopf bereits das Haus in Flammen steht. Und so verdankt der IS seine Erfolge nicht so sehr der unbezwingbaren eigenen Stärke, sondern der Korruptheit, Fahrlässigkeit und Inkompetenz seiner Gegner.

Die Wurzeln des IS liegen im Post-Saddam-Irak

Drei Faktoren haben diese Katastrophe ausgelöst, die längst Züge einer regionalen Kernschmelze trägt. Der erste war die amerikanische Invasion im Irak. USA und Europa bekommen jetzt die Rechnung präsentiert für die wohl teuerste militärische Fehlentscheidung aller Zeiten. Denn der IS ist kein Produkt des syrischen Bürgerkriegs. Seine Wurzeln liegen im Post-Saddam-Irak, den Amerikaner, Engländer und andere willige Koalitionäre 2003 herbeigebombt haben. Dazu gesellt sich zweitens die strukturelle Bigotterie der reichen Golfstaaten. Die gekrönten Emire brüsten sich gerne als Bollwerk gegen den Extremismus, säen jedoch seit Jahrzehnten mit ihrer puritanisch-islamistischen Weltmission eine Mischung aus militanter Rechtgläubigkeit, Verteufelung Andersgläubiger und kultureller Intoleranz.


Der dritte und wichtigste Grund aber sind die tief eingeschliffenen Defizite in der politischen Kultur des Orients. Ihre Herrscher begreifen Machtgebrauch einzig als Nullsummenspiel. Sie sind unfähig zu tragenden Kompromissen, unbeirrbar in ihrem Autoritarismus und süchtig nach billigem Verschwörungsdenken. Entsprechend dicht bevölkert ist der mentale Kosmos der arabischen Welt mit ausländischen Agenten, apokalyptischen Intrigen und zionistischen Machenschaften. Mit solchen Hirngespinsten im Kopf sehen die Machteliten natürlich keinen Grund, sich mit eigenen Fehlern und eigenem Versagen zu konfrontieren.

Alle Potentaten eint das gleiche Machtgebaren

Dabei gäbe es Anlass genug. Denn alle Potentaten eint das gleiche Machtgebaren. Wer am Drücker ist, quetscht seine Kontrahenten gnadenlos an die Wand. Mahnungen zu Mäßigung, Deeskalation und politischer Integration werden als naive Moralpredigten belächelt, politische Ämter primär verstanden als Instrumente zur privaten Selbstbereicherung. Die staatstragende Unterscheidung von privat und öffentlich gilt als wolkiger Idealismus genauso wie irgendein Verantwortungsgefühl für das öffentliche Wohl.
Derweil schaut die internationale Welt der nahöstlichen Tragödie immer ohnmächtiger zu. Knapp 6000 Kampfeinsätze wurden in den vergangenen zwölf Monaten geflogen – ohne durchschlagenden Erfolg. Niemand aber will sich in das Gemetzel am Boden mit eigenen Truppen einmischen. Und so muss am Ende die arabisch-islamische Welt mit IS und dessen religiöser Gewaltideologie alleine fertig werden – auch wenn es Jahre dauert. Das aber kann nur gelingen, wenn sich die politischen und religiösen Eliten der Region von ihrer blasierten Herrschermentalität verabschieden.

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