Islamisten auf Vormarsch : Libyen versinkt wieder im Chaos

Der Krieg der Milizen in Libyen wird immer härter. Zehntausende Menschen versuchen, das Land zu verlassen. Das neue Parlament tritt nicht in der Hauptstadt Tripolis zusammen.

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Demonstrationen in Tripolis.
Demonstrationen in Tripolis.Foto: dpa

Nach den Gotteskriegern im Irak haben radikale Milizen unter der Führung von Ansar al Sharia nun auch im Osten Libyens ein „Islamisches Emirat“ ausgerufen. Zuvor hatten ihre Brigaden alle Kasernen von Bengasi erobert sowie zahlreiche Panzer, Raketen, US-Humvees, nagelneue Sturmgewehre und Munitionsbestände erbeutet. „Wir werden nicht ruhen, bis wir die Herrschaft Allahs durchgesetzt haben“, deklamierte einer der maskierten Kommandeure auf einem Siegesvideo. Im Westen Libyens dagegen setzte die größte Massenflucht seit dem Bürgerkrieg 2011 ein, als sich Zehntausende über die noch offene Landgrenze nach Tunesien in Sicherheit bringen wollten.

Sie wollen sich nicht beugen

In Tripolis und Bengasi protestierten Bewohner gegen das Blutvergießen und den drohenden Zerfall ihres Landes unter dem Motto „Wir werden uns nicht beugen“. Das im Juni neu gewählte Parlament, in dem Islamisten deutlich schwächer vertreten sind als bisher, wurde für Samstag zu seiner konstituierenden Sitzung nach Tobruk einberufen, der östlichsten Stadt Libyens, die etwa 150 Kilometer von Ägypten entfernt ist. Das bisherige Parlament tagte in Tripolis und wurde dort viele Male von Bewaffneten gestürmt. Die Volksvertreter waren Ende Juni gewählt worden. Um politische Machtkämpfe einzuschränken, traten nur unabhängige Kandidaten an. Erst nach der Bildung von Fraktionen wird sich genau zeigen, welche politische Strömung die stärkste ist.

Kolonnen an den Grenzen

Derweil stauten sich am Freitag unendliche Kolonnen von Libyern und Ägyptern an der Grenze zu Tunesien, wo sich in den letzten 48 Stunden chaotische Szenen abspielten. Nach Presseberichten in Kairo kamen dabei bisher mindestens 17 Ägypter ums Leben. Zwei starben, als tunesische Grenzsoldaten Warnschüsse abgaben, um die aufgebrachte Menge zur Ordnung zu bringen. Die anderen 15 wurden offenbar von libyschen Bewaffneten ausgeraubt und erschossen, als sie nahe der Grenze auf ihre Abfertigung warteten. Eine griechische Fregatte nahm am Freitagmorgen 200 Ausländer in Tripolis an Bord. Wie das Athener Verteidigungsministerium mitteilte, gingen 78 Chinesen, 77 Griechen, zwölf Zyprer, zehn Briten, sieben Belgier, ein Russe und ein Albaner an Bord des Schiffes. Auch die Philippinen brachten die ersten 1000 ihrer 11 000 Landsleute aus Libyen heraus, die etwa 60 Prozent des Personals in den örtlichen Krankenhäusern ausmachen. In Bengasi waren Mitte der Woche bei der Eroberung der Hauptkaserne einer libyschen Eliteeinheit durch Islamistenkommandos mindestens 35 Soldaten und 40 Zivilisten getötet sowie etwa 300 Menschen verwundet worden. Das Polizeipräsidium wurde von zahlreichen Raketen getroffen, in Brand geschossen und kollabierte am Freitag nach einer gewaltigen Explosion. Auf einem Video ist der Kommandeur von Ansar al Sharia, Mohammad al Zahawi, zu sehen, wie er vor einem eroberten Panzer seinen Mitkämpfern zum Sieg gratuliert und seinen säkularen Kontrahenten vorwirft, sie versuchten, Libyen zu plündern und wollten das Land dem Einfluss des Westens ausliefern.

Hunderte Tote, Tausende Verletzte

Nach Informationen der in London erscheinenden Zeitung „Al Hayat“ ist der pensionierte General Khalifa Haftar, der vor drei Monaten mit seiner „Operation Würde“ zum offenen Kampf gegen die islamistischen Milizen aufgerufen hatte, inzwischen nach Ägypten geflohen. Haftar dagegen erklärte dem Sender „Al Arabiya“, er und seine von ihm befehligte „Nationale Armee“ hätten lediglich aus taktischen Gründen einige Stellungen in Bengasi geräumt. Er selbst habe Libyen nicht verlassen.

In der Hauptstadt Tripolis kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums in den letzten vier Wochen 214 Menschen ums Leben. Nahezu tausend wurden verletzt. Dort versuchen islamistische Brigaden nach wie vor, den Flughafen unter ihre Kontrolle zu bringen. Bei den Gefechten wurde nicht nur der Airport weitgehend zerstört, sondern es wurden auch zwei riesige Benzinbehälter in einem nahegelegenen Treibstofflager mit einer Kapazität von 90 Millionen Liter in Brand geschossen. Nach wie vor ist das Feuer nicht unter Kontrolle.

Sollten die Flammen auf Gastanks auf dem Gelände übergreifen, befürchten Experten eine Megaexplosion, die im Umkreis von fünf Kilometern alles zerstören könnte. Die rivalisierenden Milizen stoppten ihre Angriffe vorübergehend, damit die Feuerwehrleute die Flammen bekämpfen und eine Explosion der Benzintanks verhindern können. Nach Einschätzung von Experten geht es bei den Kämpfen um den Flughafen auch um die Kontrolle von Schmugglerrouten, durch die sich die Milizen finanzieren. (mit dpa)

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