Islamisten : Die zweite Welle

Sicherheitsbehörden nehmen zwei Islamisten aus dem engeren Umfeld der Sauerland-Zelle fest. Sie sollen die terroristische Vereinigung IJU unterstützt haben.

Barbara Junge

Berlin - Am 12. Mai 2007 um 17 Uhr 40 wollte Omid S. im iranischen Maschad landen, so hatte er es sich auf einem Notizzettel vermerkt. Die Stadt im Nordiran, in unmittelbarer Nähe zu Afghanistan, war für den damals 26-jährigen deutschen Staatsangehörigen afghanischer Herkunft der Ausgangspunkt eines ungewissen Trampelpfads. Das Ziel der komplizierten Reise, die der fanatische Moslem zwei Tage zuvor in einer Maschine der Gulf-Air in Frankfurt am Main angetreten hatte: ein Ausbildungslager der Islamischen Jihad Union (IJU) im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Zuhause, für seine Familie, seine Freundin und auch einen Bekannten hinterließ Omid S. Abschiedsbriefe. Er rechnete mit seinem Tod im Namen des Islam. Doch statt im Paradies der Märtyrer sitzt Omid S. jetzt in deutscher Haft.

In der vergangenen Woche nahm das Bundeskriminalamt Omid S. und den türkischen Staatsangehörigen Hüseyin Ö. fest. Beiden wird zur Last gelegt, die ausländische terroristische Vereinigung IJU unterstützt zu haben, sie hatten für die Organisation unter anderem einen Infrarotstrahleraufsatz und Ferngläser im Gepäck. Omid S. erwartet auch ein Prozess wegen IJU-Mitgliedschaft, aufgrund seines Aufenthalts im Lager. Hüseyin Ö. dagegen war gar nicht erst so weit gekommen: Er wurde, gemeinsam mit seinem Bruder Bekir Ö. am 4. Juli 2007 beim Grenzübertritt nach Pakistan festgenommen und später in die Türkei geschickt.

Mit den Festnahmen hat die Bundesanwaltschaft (BAW) in einer zweiten Welle das engere Umfeld der Sauerland-Zelle abgeräumt. Denn die IJU ist jene Vereinigung, der die drei Männer angehören, die im vergangenen September verhaftet wurden, als sie sich in einer Sauerländer Ferienwohnung gerade anschickten, Sprengstoff für Anschläge in Deutschland anzumischen. Und ins Lager vermittelte die jetzt Festgenommenen und noch eine Reihe weiterer potenzieller Mudjahedin einer der drei Sauerland-Angeklagten, der türkische Staatsangehörige Adem Y.

Einen Zusammenhang zu den Attentatsplänen will die BAW offiziell nicht herstellen. Man dürfe die beiden jetzt Festgenommenen doch bitte nicht mit der Sauerlandzelle in Eins setzen, sagte ein BAW-Sprecher. Doch schon in einem Sachstandsbericht des Bundeskriminalamts zur Sauerland- Zelle aus dem vergangenen Jahr finden sich sowohl die Brüder Ö. als auch Omid S. als „weitere Tatverdächtige“.

Die beiden jetzt Verhafteten sind die letzten aus diesem skizzierten Milieu, derer die Ermittler derzeit habhaft werden können. Die anderen sind entweder nicht in Deutschland oder schon in ihr erhofftes Paradies eingegangen.

Wie etwa Cüneyt Ciftci, der im März 2008 mit einem Kleinlaster in der ostafghanischen Provinz Khost in ein US-Militärgebäude gerast sein soll. In den afghanischen Bergen gefallen ist nach Berichten des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ Sadullah Kaplan. Irgendwo im Dschihad kämpft mutmaßlich Salih S., der angeblich mit seiner Familie und einem Vorrat an Babypulver in die Berge gezogen ist. Bekir Ö. durfte, nachdem er von Pakistan in die Türkei verfrachtet worden war, nicht wieder nach Deutschland einreisen. Attila S., der für die Sauerland-Zelle Zünder für Sprengsätze per Kurier nach Deutschland geschmuggelt haben soll, sitzt in der Türkei im Gefängnis.

Unmittelbar bevor Omid S. im vergangenen Mai aufbrach, traf er sich mit Adem Y. aus dem Sauerland-Trio. Dabei überließ er Adem Y. seine EC-Karte mitsamt Geheimnummer. Zumindest dass Adem Y. Zugriff auf Omid S.’ Konto hatte, war den Ermittlern auch schon vor ihrem Zugriff auf das Sauerland-Trio im September 2007 bekannt. Dass die BAW erst jetzt Haftbefehle erwirkt hat, begründete ihr Sprecher mit Erkenntnissen darüber, dass Omid S., der aus dem Lager nach Deutschland zurückgekehrt war, sich erneut auf den Trampelpfad begeben wollte.

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