Politik : Islamisten: Drill im Klassenzimmer

Ulrike Scheffer

Junge Palästinenser haben ihrem Hass auf die USA am Montag wieder freien Lauf gelassen. Lautstark protestierten sie gegen die Angriffe auf Afghanistan; vor einigen Wochen bejubelten sie die Terroranschläge in New York und Washington. Andere Jugendliche fühlen sich von den USA geradezu magisch angezogen, hören Pop-Musik, tragen amerikanische Turnschuhe und Jeans, verehren amerikanische Sportidole. Doch junge Menschen sind auch anfällig für extremistische Ideen. Das ist im Westen nicht anders, im Nahen und Mittleren Osten allerdings verstärken Armut und Perspektivlosigkeit den Wunsch nach radikalen Veränderungen.

Unter den afghanischen Flüchtlingen in Pakistan hält sich die Begeisterung für den reichen Westen, der ihr Elend jahrelang kaum zur Kenntnis genommen hat, ebenfalls in Grenzen. Einige der Flüchtlingslager entstanden schon vor zwanzig Jahren, viele Kinder wurden hier geboren und haben nie ein normales Leben in einem intakten Dorf oder einer Stadt erlebt. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen schaffte es bisher mit seinen Mitteln gerade, 1,2 Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten zu versorgen. Im vergangenen Jahr standen dafür ganze 17 Millionen Dollar zur Verfügung - 14 Dollar für jeden Flüchtling. Für Bildungsprojekte, so sagte ein Sprecher der Organisation dem Tagesspiegel, blieb kaum etwas übrig.

Oft sind es Nicht-Regierungsorganisationen wie der deutsche "Verein für afghanische Flüchtlingskinder", die Schulen in den Lagern aufbauen. "Wenn wir das nicht machen, schicken die Eltern ihre Kinder in die Madrasas der Umgebung", sagt Ursula Nölle, Initiatorin des Vereins. In den von fundamentalistischen Gruppen betriebenen Schulen würden die Kinder regelrecht gedrillt und auch militärisch ausgebildet. "Aber sie werden hier eben auch versorgt und bekommen eine schöne Schuluniform", so Ursula Nölle, die außer Spenden auch Mittel aus dem Auswärtigen Amt erhält.

Auch wenn die Attentäter von New York und Washington nicht aus solchen Elendsquartieren kamen, Flüchtlingslager wie in Pakistan oder Libanon und die Slums Nordafrikas bilden den Nährboden islamistischer Bewegungen. Viele Länder im Nahen Osten und Nordafrika sparen seit Jahren massiv Arbeitsplätze in den Verwaltungen und maroden Staatsunternehmen ein, während sich die Privatwirtschaft kaum entwickelt. Die Arbeitslosigkeit in der Region ist höher als irgendwo sonst auf der Welt und wird durch das hohe Bevölkerungswachstum dramatisch beschleunigt. So wuchs die Bevölkerung Algeriens zwischen 1980 und 1996 von fünf auf neun Millonen Menschen. Die Arbeitslosigkeit stieg in den neunziger Jahren von knapp 20 Prozent auf etwa 30 Prozent. "Jugendliche haben kaum eine Perspektive, ihre Lage ist völlig aussichtslos", sagt Franz Kogelmann vom Hamburger Orientinstitut. Das Geld für Entwicklungsprojekte lande meist in den Taschen der korrupten Elite, so Kogelmann. "Für die einfachen Leute stellen die Islamisten das kleinere Übel dar, denn sie betreiben immerhin soziale Projekte und kümmern sich auch um die Jugendlichen.

Der 1999 angetretene algerische Präsident Bouteflika schaffte es nicht, den Teufelskreis von Armut, Korruption und Radikalismus zu durchbrechen. Trotz einer Amnestie sind die Islamisten seit einiger Zeit wieder im Aufwind. An den Attentaten in den USA waren mehrere Algerier beteiligt. Nach Erkenntnissen französischer Behörden plante die radikal-islamische Terrorgruppe GIA im Übrigen schon 1994 einen ähnlichen Anschlag. Mitglieder der Gruppe wollten danach mit einer Maschine der Air France in den Pariser Eiffelturm rasen. Französische Einsatzkräfte stürmten das entführte Flugzeug jedoch bei einem Zwischenstopp in Marseille.

0 Kommentare

Neuester Kommentar