Islamistischer Terror : Ein toter Feind

US-Spezialeinheiten haben den Al-Qaida-Chef erschossen. Wie wirkt sich das auf den islamistischen Terror aus? Bei Al Qaida selbst, so vermuten Experten, wird bin Ladens Stellvertreter, der Ägypter Aiman al Sawahiri, noch an Bedeutung gewinnen.

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Top-Terroristen. Al-Qaida-Chef bin Laden und sein Stellvertreter al Sawahiri im Jahr 2001 an unbekanntem Ort.
Top-Terroristen. Al-Qaida-Chef bin Laden und sein Stellvertreter al Sawahiri im Jahr 2001 an unbekanntem Ort.Foto: dpa

Er war die Symbolfigur des islamistischen Terrors schlechthin, „der Guru der Bewegung“, sagt ein hochrangiger Sicherheitsexperte über Osama bin Laden. Dessen Karriere als Pate der Dschihadisten dürfte mit seinem Tod, so makaber es klingt, ihren Höhepunkt erreichen. „Als Märtyrer nutzt er der Szene mehr als ein Lebender“, sagt der Fachmann. Die Figur eines Märtyrers sei für jede Ideologie wertvoll, „und die von Al Qaida verbreitet sich sowieso immer weiter, mit einem toten bin Laden erst recht“. Al Qaida, so scheint es, hat einen Anführer verloren und einen Szene-Heiligen gewonnen.

Was bedeutet bin Ladens Tod für Al Qaida?

Auf einer islamistischen Website schrieb am Montag ein Terrorfan, wenn bin Laden ein „Shahid“, also ein Märtyrer geworden sei, „inshallah hat er gewonnen und wenn er noch lebt wird er kämpfen bis er siegt“. In den Foren wird wild diskutiert, ob bin Laden wirklich tot ist. Auf der Website ist ein grausiges Foto zu sehen, das den Kopf des getöteten bin Laden zeigen soll, aber vermutlich gefälscht ist. Die Dschihadisten-Szene wartet noch auf ein Statement von Al Qaida zum Tod bin Ladens.

Die Sicherheitsbehörden sorgen sich, Osama bin Laden werde jetzt zur blutbefleckten Ikone der Dschihadisten, auch wenn er nach der Vertreibung von Al Qaida aus Afghanistan im Jahr 2001 „kaum noch operativ tätig war“, wie es heißt. Womit ebenso gesagt ist: Al Qaida funktioniert ohne den Anführer weiter. Die Terrororganisation, das betont jeder Fachmann, ist keinesfalls am Ende. Und der weit verzweigte islamistische Terrorismus schon gar nicht.

Bei Al Qaida selbst, so vermuten Experten, wird bin Ladens Stellvertreter, der Ägypter Aiman al Sawahiri, noch an Bedeutung gewinnen. Auf seinen Kopf sind 25 Millionen Dollar ausgesetzt, bei bin Laden war es doppelt soviel. Sawahiri hat in den vergangenen Jahren die Rolle des Chefpropagandisten eingenommen und via Internet deutlich öfter in Videos und Audiobotschaften gegen die „Ungläubigen“ gehetzt als bin Laden. Der Anführer hielt sich etwas zurück, um das Risiko zu minimieren, anhand von Kommunikationsdaten aufgespürt zu werden. Zuletzt meldete sich bin Laden im Januar mit einer Audiobotschaft, in der er den Rückzug der französischen Soldaten aus Afghanistan verlangte. Sawahiri hingegen ließ noch im April ein Video verbreiten. Darin fordert er die Libyer auf, sich gegen Gaddafi und die Nato zu erheben.

Welchen Einfluss hatte bin Laden auf die Terrorszene?

Schon in den 1980er Jahren verschrieb sich der saudische Milliardärssohn dem heiligen Krieg. Damals unterstützte er, vor allem mit Geld, den afghanischen Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer und griff angeblich auch selbst zur Waffe. Und er gründete Al Qaida, als Sammelbecken für Dschihadisten. In den 1990er Jahren weitete er den Kampf aus, Al Qaida attackierte nun auch die Amerikaner. Bei schweren Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania starben 1998 mehr als 200 Menschen. In Afghanistan, wo die Taliban den Saudi und seinen Anhang aufgenommen hatten, plante bin Laden die Anschläge des 11. September und suchte die Täter aus. Da war er bereits eine Galionsfigur des islamistischen Terrors.

Nachdem die Amerikaner 2001 in Afghanistan einmarschiert waren und bin Laden nur knapp aus den umzingelten Tora-Bora-Höhlen entkam, war er kaum noch in der Lage, das eigentliche Terrorhandwerk zu praktizieren. Von seinen Verstecken in Pakistan aus beschränkte er sich weitgehend auf Propaganda und segnete die Bildung von Filialen in anderen Ländern ab, zuerst im Jahr 2004 die von Al Qaida im Irak. Anweisungen konnte bin Laden den Ablegern aber offenbar nicht erteilen. Es gab zudem Streit, vor allem mit dem Anführer des irakischen Ablegers, Abu Mussab al Sarkawi, wegen dessen exzessiver Brutalität gegen schiitische Muslime. Doch die Parolen von bin Laden, die zunehmend im Internet verbreitet wurden, fanatisierten in vielen Ländern Muslime, die dann weitgehend eigenständig Anschläge verübten – wie die in Madrid und London.

Verändert sich die Terrorgefahr international?

Die Al-Qaida-Filialen agieren nahezu unabhängig. Für sie ist vor allem der Markenname „Al Qaida“ interessant, um Dschihadisten zu werben und Geldgeber. Ableger gibt es außer im Irak inzwischen auch in Nordafrika, das ist „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (AQM), in Saudi-Arabien und Jemen, „Al Qaida auf der arabischen Halbinsel“ (AQAH) genannt, und in Somalia. Dort hat sich die Shabab-Miliz der Terrororganisation angeschlossen. Alle diese Gruppierungen werden ihren Kampf auch nach bin Ladens Tod wahrscheinlich ungebremst fortsetzen. Was das heißt, zeigte vor wenigen Tagen der Anschlag von AQM in der marrokanischen Stadt Marrakesch.

Wie wirkt sich der Tod auf die Lage in Afghanistan aus?

Die Taliban sind kaum auf Al Qaida angewiesen. Bin Ladens Tod wird insgeheim vielleicht von einigen Taliban begrüßt. Hätte der Al-Qaida-Chef nicht von Afghanistan aus 9/11 initiiert, wären die Taliban vermutlich noch an der Macht.

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