Israel : Ernüchterung statt Siegesgewissheit

Die israelische Regierung hat einer Waffenruhe ab Montagmorgen zugestimmt. Nach einem Monat Libanon-Offensive wächst die Kritik an Ministerpräsident Olmert.

Jerusalem - Einen Monat nach dem Beginn der israelischen Großoffensive im Libanon machte die anfängliche Siegesgewissheit bei vielen Israelis einer zunehmenden Ernüchterung Platz. Immer mehr wuchs zuletzt die Furcht vor einem militärischen Debakel. Im Generalstab und in der Regierung machte sich spürbar Nervosität breit, während die Stimmung im Lande langsam kippte. Ministerpräsident Ehud Olmert verlor Umfragen zufolge deutlich an Rückhalt in der Bevölkerung. Nach der Verabschiedung der UN-Resolution in New York für ein Ende der Kämpfe lenkte die israelische Regierung am Wochenende ein: Sie stimmte einer Waffenruhe ab Montagmorgen zu und billigte die Entschließung des UN-Sicherheitsrats.

Schwerste Verluste vor der Waffenruhe

Der israelischen Armeeführung wird vorgeworfen, die Kampfkraft der libanesischen Hisbollah-Miliz unterschätzt zu haben. Allein am Samstag wurden 24 israelische Soldaten getötet, die schwersten Verluste seit Beginn des Krieges. Olmert und sein Verteidigungsminister Amir Perez wirkten dieser Tage wie Getriebene, nicht wie Entscheider: Bar jeder militärischen Erfahrung stürzten die beiden Zivilisten ihr Land in das Libanon-Abenteuer, monieren Kritiker. Viele Israelis fragen: Was wurde bislang erreicht mit dem Feldzug einer der modernsten Armeen der Welt, der am 12. Juli begann? 40 Prozent der Israelis sind mit Olmerts Entscheidungen unzufrieden, nur 48 Prozent zufrieden. Das ist nicht viel für einen Regierungschef im Krieg.

"Er hat keinen Fehler ausgelassen im vergangenen Monat", klagte Chefkommentator Ari Schavit in der linskliberalen Zeitung "Haaretz". Unter der Überschrift "Olmert muss gehen" listete Schavit Fehler des Ministerpräsidenten auf: "Er hat den Krieg überstürzt begonnen, ohne das Ende richtig zu bedenken." Wenn Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah demnächst aus seinem Bunker trete und vor der Welt seinen Sieg verkünde, sollte Olmert nicht mehr in seinem Büro sein. Israel brauche einen Neuanfang und einen "echten Ministerpräsidenten".

Differenzen zwischen Olmert und Peres

Die Zeitung "Maariv" berichtet zudem von tiefen Differenzen im Kabinett. Olmert und Vizeregierungschef Schimon Peres seien sich im Sicherheitskabinett in die Haare geraten. Mit scharfen Worten habe Peres das "Krisenmanagenment" kritisiert und das unbedachte Handeln gegeißelt. Außerdem sickere alles zur Freude der Hisbollah in die Medien durch, habe der Vize beklagt.

Wie es um die politische Führung bestellt ist, wurde nach der Sitzung des Sicherheitskabinetts am Mittwoch offenbar. Dem grünen Licht für die Ausweitung der Bodenoffensive folgte kurz darauf das Moratorium. Am Freitag ordnete Olmert dann die Vorbereitung an. Selbst Soldaten beklagen den Befehls-Wirrwarr: Heute werde ein Angriff auf Tyrus befohlen, morgen der Abzug, sagte ein Reservist.

Längst hat die Regierung ihre ursprünglichen Ziele zurückgeschraubt: Nicht mehr von einer Zerschlagung der Hisbollah ist die Rede, auch um die Pläne einer Sicherheitszone bis ans Ufer des Litani-Flusses wurde es zuletzt ruhig. Das Hauptziel sei: "die Bedrohung durch Raketen an der Nordgrenze Israels zu bannen", beteuerte Justizminister Haim Ramon.

Militärexperte kritisiert Vorgehen der Armee

Bis zuletzt aber feuerte die Hisbollah täglich Dutzende Raketen auf Nordisrael. Die Armee habe nicht begriffen, dass sie nicht gegen "eine Bande von Terroristen, sondern eine richtige Armee" kämpfe, kritisiert Militärexperte Jiftah Schapir vom Jaffa Center für strategische Studien.

In einem Akt der Verzweiflung wechselte Generalstabschef Dan Halutz vergangene Woche den Kommandeur für den Norden, Udi Adam, gegen seinen Vize Mosche Kaplinsky aus. Jenen Adam, der Olmert am Vorabend des Beginns der Kämpfe vor den unabsehbaren Folgen gewarnt hatte. Auch am Wochenende lieferte sich die Armee heftige Kämpfe mit der schiitischen Hisbollah-Miliz. Doch bis zum Beginn der Waffenruhe am Montagmorgen, 07.00 Uhr MESZ, blieb ihr nicht mehr viel Zeit, um ihre Ziele zu erreichen.

(Von Marius Schattner, AFP)

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