Israel : Land in Aufruhr

Fast täglich werden Israelis von Arabern attackiert. Die Polizei greift hart durch, doch die Gewalt lässt sich bisher nicht eindämmen.

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Eine dritte Intifada? Seit Wochen liefern sich junge Palästinenser Straßenschlachten mit israelischen Sicherheitskräften. Jerusalem ist davon ebenso betroffen wie das Westjordanland.
Eine dritte Intifada? Seit Wochen liefern sich junge Palästinenser Straßenschlachten mit israelischen Sicherheitskräften....Foto: Hazem Bader/AFP

Der Terror in Israel breitet sich aus – und mit ihm die Angst der Menschen. Kaum ein Tag vergeht ohne Anschläge auf Israelis. Am Sonntagmorgen zum Beispiel wird ein 45-jähriger Polizist leicht verletzt. Diesmal durch eine Explosion an einem Checkpoint in der Nähe der Siedlung Maale Adumim, eine halbe Autostunde von Jerusalem entfernt. Die Fahrerin, eine 31-jährige Palästinenserin aus Jericho, soll „Allahu Akbar“ (Gott ist groß) gerufen und den Sprengsatz gezündet haben, als der Polizist sie kontrollieren wollte. Berichten zufolge soll die Frau Richtung Jerusalem unterwegs gewesen sein. Sie überlebte schwer verletzt.

Israel greift Waffenfabrik im Gaza-Streifen an

Es war der jüngste Vorfall in einer Reihe von Terrorattacken, die das Land erschüttern. Medienberichten zufolge sind in den vergangenen zwölf Tagen vier Israelis und 22 Palästinenser ums Leben gekommen. Auch die Unruhe in und um den Gazastreifen steigt: Nachdem in der Nacht zum Sonntag Raketen auf Israel abgeschossen worden waren, flog die israelische Luftwaffe in den frühen Morgenstunden Angriffe auf eine Waffenfabrik der Hamas im Norden des Küstenstreifens. Das Gesundheitsministerium in Gaza teilte daraufhin mit, durch die Detonation sei ein Haus eingestürzt. Dabei sollen eine 30-jährige schwangere Frau und ihre vierjährige Tochter ums Leben gekommen sein.

Um Raketen aus Gaza abzufangen, stationierte die israelische Armee am Wochenende ein weiteres Abwehrsystem in der Wüstenstadt Beer Schewa. Denn es wird mit weiteren Angriffen gerechnet. Bereits am Freitag hatten Palästinenser bei Auseinandersetzungen entlang der Grenze zum Gazastreifen Brandbomben auf israelische Soldaten geschleudert. Insgesamt verloren bei den Gefechten nach Angaben verschiedener Medien neun Palästinenser ihr Leben.

Längst hat die Gewaltwelle die Stadtgrenzen Jerusalems durchbrochen. Dort kam es bereits vor Wochen während einer Reihe jüdischer und arabischer Feiertage zu Auseinandersetzungen – vor allem auf und um den Tempelberg, wo junge arabische Muslime Steine und Molotowcocktails auf Polizeibeamte warfen. Doch das Ende der Feiertage brachte kein Ende der Gewalt, im Gegenteil: Immer wieder kommt es seither vor allem zu Messerattacken, anfangs in der Altstadt Jerusalems, später auch in anderen Städten wie Tel Aviv, Petach Tikwa, Kiryat Gat und Afula.

Die Gewalt geht von beiden Seiten aus

Eines haben die Terroristen bereits erreicht: die Menschen zu verunsichern und ihren Alltag zu beeinträchtigen. In Israel fragt man sich schon: Kann man überhaupt noch nach Jerusalem fahren? Ist es sicher, auf dem Markt einzukaufen oder im Shopping-Center? Wo wird als Nächstes ein Messer gezückt?

Doch nicht nur die jüdischen Israelis leben mit der Angst, auch die arabische Bevölkerung fürchtet sich mehr und mehr vor Attacken. Am Freitag griff ein 24-jähriger Jude vier Araber mit einem Messer in der Wüstenstadt Dimona an. Einen Tag zuvor demonstrierten in Jerusalem Anhänger der nationalistischen Gruppe Lehava und die rechtsextremen Mitglieder von „La Familia“, Fans des Fußballvereins Beitar Jerusalem. Sie zogen Berichten zufolge von einem Stadtpark aus in die Altstadt Richtung Klagemauer – auf der Suche nach Arabern. Vier Demonstranten wurden von der Polizei festgenommen. Der Minister für öffentliche Sicherheit, Gilad Erdan (Likud), kündigte daraufhin an, ein Verbot der Gruppe Lehava in Betracht zu ziehen.

Mittlerweile sind Sicherheitskräfte im ganzen Land in höchster Alarmbereitschaft. Um den Schutz zu erhöhen und einen Personalmangel möglichst zu verhindern, hat Wirtschaftsminister Aryeh Deri von der ultrareligiösen Schas-Partei nun sogar erlaubt, Sicherheits- und Wachkräfte unter bestimmten Bedingungen bis zu 14 anstatt zwölf Stunden pro Schicht einzusetzen. Die Ausnahmeregelung soll für einen Monat gelten. Kontrollen an Eingängen zu Bürogebäuden, Parkhäusern, Einkaufszentren und Straßenmärkten gehören in Israel zum Alltag.

Kerry hat Israel Unterstützung angeboten

Die Polizei geht in diesen Tagen mit großer Härte und Kompromisslosigkeit gegen Terroristen vor. Am Samstag erschossen Sicherheitskräfte zwei arabische Attentäter, die beide mit einem Messer auf Israelis losgegangen waren. Einer der Angreifer stach am Damaskustor in der Altstadt auf Polizisten ein, die ihn nach seinem Ausweis fragten. Der andere Araber hatte in der Innenstadt Jerusalems zwei Männer mit einem Messer leicht verletzt.

Bei Krawallen im Flüchtlingscamp Schuafat in Ostjerusalem kam ein 25-jähriger bewaffneter Araber ums Leben. Ein Polizist erschoss den Mann, nachdem der das Feuer auf die Beamten eröffnete hatte. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, der auch von den rechten Hardlinern in seinem Kabinett kritisiert wird, reagiert auf die Gewaltwelle mit mehr Polizeipräsenz. Am Wochenende ordnete er an, zusätzliche Einheiten der Grenzschützer in Jerusalem und im Rest des Landes zu mobilisieren, um weiteren Attacken vorzubeugen und Täter abzuschrecken. Es sei besser, mit einem massiven Aufgebot an Sicherheitskräften potenziell gefährliche Entwicklungen zu stoppen, sagte Netanjahu zu Beginn der wöchentlichen Kabinettssitzung.

Forderungen von Ministern der nationalreligiösen Partei Habait Hajehudi und Anführern der Siedlerbewegung, angesichts der Terrorattacken den Bau neuer Siedlungen zu genehmigen, wies Netanjahu bereits Ende vergangener Woche zurück. Dies würde nur vom Kampf gegen den Terrorismus ablenken und die internationale Unterstützung für Israel infrage stellen.

Aufgeschreckt durch die anhaltende Gewalt hat US-Außenminister John Kerry nach Angaben aus Washington in Telefonaten mit Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas seine Unterstützung angeboten, wenn es darum gehe, „so rasch wie möglich wieder Ruhe herzustellen“.

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