Israel : Nahost-Konflikt: Bis an die Grenzen

Eine Serie von Zwischenfällen erschüttert Israel – aber nur wenige glauben an eine konzertierte Aktion. Die Politiker streiten über die Motive und die Identität der Angreifer.

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Heißes Terrain. Israelische Soldaten patrouillieren im Grenzgebiet zum Libanon. Hier hat sich am Dienstag einer der blutigen Zwischenfälle ereignet.
Heißes Terrain. Israelische Soldaten patrouillieren im Grenzgebiet zum Libanon. Hier hat sich am Dienstag einer der blutigen...Foto: dpa

Megaheiße Tage in Israel: Die Bevölkerung stöhnt über Temperaturen um die 40 Grad mit steigender Tendenz und extrem hoher Luftfeuchtigkeit. Politiker und Militärs diskutieren derweil mit heißen Köpfen über eine Serie von Zwischenfällen an den Grenzen des Landes.

Genau weiß es keiner, aber im Zweifel immer besser als der jeweilige politische Gegner. Seit am Freitag die Eskalation der Gewalt an Israels Grenzen begann, streiten sich die Politiker über die Motive und die Identität der Angreifer aus dem palästinensischen Gazastreifen, der ägyptischen Sinai-Halbinsel und dem Südlibanon. Am Mittwoch tagte das Sicherheitskabinett unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Noch vor Sitzungsbeginn lieferten sich Verteidigungsminister Ehud Barak und sein nun aus der Opposition argumentierender Vorgänger Schaul Mofas ein Interviewduell im Rundfunk.

Barak bezeichnete die israelische Reaktion auf den Überfall am Dienstag an der libanesischen Grenze als „angemessen und korrekt“. Offensichtlich sei die mörderische Konfrontation, bei der zwei israelische Offiziere und drei libanesische Soldaten sowie ein Hisbollah-Kameramann getötet wurden, von gegnerischer Seite „nicht geplant“ worden. Die proiranische Hisbollah sei nicht involviert gewesen. Es handle sich um einen „isolierten Zwischenfall“. Mofas behauptete das Gegenteil: Es habe sich um eine „geplante Terrorattacke“ gehandelt. Ohne Zweifel stecke die Hisbollah dahinter. Die nun bewiesene Unfähigkeit der Unifil-Truppen im Südlibanon, welche die Attacke der libanesischen Armee auf die israelischen Soldaten nicht habe verhindern können, lasse Schlimmstes befürchten.

Der Überfall der libanesischen Armeeeinheit am Dienstag bildete den bisherigen Höhepunkt einer Eskalation von Angriffen in unmittelbarer Nähe der beliebtesten israelischen Urlaubsziele – und das in der Hochsaison. Wohl noch nie seit vielen Jahren haben so viele Israelis ihren Sommerurlaub im Lande verbracht. Dies, weil die türkischen All-inclusive-Clubs für sie infolge der Krise zwischen Ankara und Jerusalem seit Juni „off limits“ sind.

Begonnen hatte die Serie am Freitag mit einem ersten Raketenangriff seit Ende des Gazakrieges vor eineinhalb Jahren auf die 100.000-Einwohner-Stadt Ashkelon nahe dem Gazastreifen. Die Gard-Rakete schlug in unmittelbarer Nähe eines Wohnhochhauses ein, löste Panik aus und verursachte Sachschaden. Am Samstag verwüstete eine Kassam-Rakete aus dem Gazastreifen im Sapir-College in Sderot mehrere Gebäude. Am Montag dann schlugen Gard-Raketen in Eilat, direkt vor einem Nobelhotel im jordanischen Aqaba und in der Bucht zwischen den beiden Badestädten am Roten Meer ein. Dabei wurde ein jordanischer Taxifahrer getötet, drei weitere Jordanier wurden zum Teil schwer verletzt. Tags darauf Tag eskalierte die Situation an der Grenze zum Libanon.

In Jerusalem und im Armeehauptquartier in Tel Aviv ist man überzeugt, dass es sich beim Feuerüberfall der libanesischen Armee um eine von einem örtlichen Kommandanten angeordnete Provokation handele. Dies zwar kaum mit direkter Hilfestellung der Hisbollah, wohl aber mit deren Zustimmung. Die Beiruter Regierung und das libanesische Oberkommando dürften wohl nichts davon gewusst haben, werden aber von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu für den schwersten Zwischenfall seit Ende des Zweiten Libanonkrieges vor genau vier Jahren politisch dafür verantwortlich gemacht. Es überwiegt die Einschätzung, dass es sich um eine Kette von Einzelaktionen handelt, die insgesamt keine echte Bedrohung Israels darstellten. Doch Politiker und Experten haben sich in der jüngsten Vergangenheit schon mehrfach geirrt.

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