Israel : Scham und Schamlosigkeit

Eine Mitarbeiterin des israelischen Präsidenten erzählt im Fernsehen, wie sie von Mosche Katzav vergewaltigt wurde.

Charles A. Landsmann
Katzav
Der israelische Staatspräsident Mosche Katzav. -Foto: AFP

Tel AvivSie muss einem leidtun, bei aller Bewunderung für ihren Mut. Die ehemalige Mitarbeiterin des israelischen Staatspräsidenten Mosche Katzav, die zu ihrem eigenen Schutz nur „A“ genannt wird, erzählt live auf allen nationalen TV-Kanälen dem ganzen Land, wie sie von Katzav vergewaltigt worden sei, wie er sie immer und immer wieder sexuell belästigt habe. „Mosche Katzav ist ein Sexualverbrecher, er ist ein Serientäter“, sagt sie.

50 Minuten sitzt „A“ vor den Fernsehkameras und spricht. Intelligent, selbstsicher und doch bescheiden, in klaren Worten. Um ihre Anonymität zu wahren, ist ihr Gesicht im Fernsehen verpixelt.

Ein Jahr lang hatte Katzav immer wieder geschworen, er habe niemanden vergewaltigt oder sexuell belästigt. Doch am Morgen des Tages, an dessen Abend seine Mitarbeiterin vor die Fernsehkameras tritt, unterschreibt Katzav einen Deal mit der Staatsanwaltschaft, der mehrere Geständnisse enthält: Sie beziehen sich nicht auf „A“, sondern auf zwei andere Frauen, auch sie frühere Mitarbeiterinnen von Katsav. Sie werden in Israel „A2“ und „L“ genannt. Katzav gesteht, die beiden gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen gezwungen und unter Ausnützung seiner Stellung als Vorgesetzter sexuell belästigt zu haben.

Mit anderen Worten: Katzav gestand, ein ganzes Jahr lang immer und immer wieder gelogen zu haben. Für dieses Geständnis ließ der Generalstaatsanwalt Menachem Masus alle anderen Anklagen wegen Vergewaltigung und Korruption fallen. Katzav, dem wegen Vergewaltigung eine Freiheitsstrafe von bis zu 20 Jahren gedroht hatte, kommt jetzt mit einer Bewährungsstrafe davon.

Der Deal empört Israel. Speziell nach dem, was „A“ im Fernsehen mitzuteilen hatte. Es waren deutliche, eindeutige Worte. Manchmal, vor lauter Scham, zögernd gesprochen, da und dort mit gebrochener Stimme.

„Es begann mit Telefonanrufen am Morgen: Bis du aufgewacht? Was ziehst du an? Vielleicht einen Rock ohne Unterwäsche? Sprüche, die sich wiederholten. Da waren Bemerkungen wie ,du ziehst mich in deinen Bann’, ,ich habe von dir geträumt, als ich mit meiner Frau geschlafen habe’.“

Schließlich erzählte die frühere Mitarbeiterin, wie es zur Vergewaltigung gekommen war: „Er öffnete den Verschluss meiner Hose. Er ist ein starker Mann ... Ich gab nach. Er ließ seine Hosen runter und vollzog einen vollständigen Geschlechtsakt an mir. Dies wiederholte sich drei, vier Mal.“

Den Tränen nahe ist „A“ erst bei ihren Schlussfolgerungen, bestimmt für die Ohren anderer Opfer von Sexualverbrechen. „Aufgrund meiner eigenen Erfahrung sage ich: Klagt nicht. Geht zum Psychologen, aber geht nicht zu den Gesetzeshütern. Das hilft euch nichts, vor allem, wenn es sich um bekannte Personen handelt.“

Und auch „A2“, die nach dem ersten Entwurf der Anklageschrift ebenfalls von Katzav vergewaltigt worden war, ist nun schwer enttäuscht vom Deal mit der Staatsanwaltschaft, in dem er „nur“ sexuelle Nötigung, aber nicht Vergewaltigung eingestehen musste: „Ich bin sehr überrascht. Ich fühle mich verletzt. Ich habe das Gefühl, als wäre ich ausgenützt und weggeworfen, als hätte man mich nicht mehr gebraucht.“ Die Mitarbeiterin „A“ fühlt das Gleiche: „Der Staat hat mir ins Gesicht gespuckt.“

Diese Ansichten teilt nicht nur die übergroße Mehrheit der Bevölkerung, auch namhafte Anwälte, ehemalige Richter, hochangesehene Jura-Professoren verstehen den Deal nicht. Generalstaatsanwalt Masus, der vor Monaten noch von mehreren eindeutigen Fällen von Vergewaltigung gesprochen hatte, „hat nun vor den mächtigen Oberen kapituliert“, heißt es. Der versuchte am Tag danach, die öffentliche Empörung abzumildern. Gestehe Katzav nicht abkommensgemäß vor Gericht seine Verbrechen gegen A2 und L ein, werde es doch noch zu einer Anklage gegen ihn wegen Vergewaltigung kommen, sagte Masus am Freitag.

Am Tag nach dem Deal: Mosche Katzav ist als Staatspräsident zurückgetreten – abkommensgemäß. Er lässt das Rücktrittsschreiben der Knessetvorsitzenden Dalia Itzik überreichen, der amtierenden Staatspräsidentin, die ihn seit Jahresanfang vertritt.

Bürger- und Menschenrechtler haben Einsprüche am Obersten Gericht angekündigt gegen den Deal. Die Bürgerrechtsbewegung greift den Chefankläger scharf an: „Masus hat die Würde des Präsidentenamtes über die Ehre und die Rechte der Frauen gestellt.“ Führende Juristen fordern Masus’ Rücktritt. Frauenbewegungen haben zu einer Protestkundgebung am Samstagabend auf dem Rabin-Platz vor dem Tel Aviver Rathaus aufgerufen.

Und Mosche Katzav? Er erhält nicht nur ab sofort die volle Präsidentenrente, die höher ist als das Gehalt des amtierenden Regierungschefs. Ihm stehen auch, wohl lebenslänglich, alle darüber hinaus gehenden Vergünstigungen zu wie Auto mit Fahrer, Kanzlei mit Sekretärinnen.

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