Politik : Israel tötet bei Offensive 57 Palästinenser

Nach Rückzug aus Gazastreifen gehen Kämpfe weiter / Panzer beschießt Haus einer Hamas-Abgeordneten

Charles Landsmann[Tel Aviv]

Auch nach dem offiziellen Ende der israelischen Offensive im nördlichen Gazastreifen forderten Kämpfe dort mindestens sieben Tote. Und Israel droht mit neuen Einmärschen. Die „Operation Herbstwolken“, die größte israelische Militäraktion im Gazastreifen seit vier Monaten, ging am frühen Dienstagmorgen mit dem Abzug der Truppen zu Ende. Insgesamt 57 Palästinenser wurden in den fast einwöchigen Kämpfen in und um Bei Hanoun getötet – nur sechs davon waren nach israelischen Angaben unschuldige Zivilisten, alle übrigen bewaffnete Kämpfer. Rund 200 Menschen wurden verwundet, 2000 verhört, mehrere Dutzend nach Israel zu weiteren Verhören gebracht.

Die Aktion hatte der militärischen Infrastruktur der regierenden Hamas-Bewegung in der Gegend gegolten, aus der die nahe gelegenen israelischen Ortschaften am westlichen Rand der Negevwüste mit Kassam-Raketen beschossen werden. Allein in der Kleinstadt Sderot schlugen seit dem Abzug aus dem Gazastreifen im August vorigen Jahres mehr als 1000 Kassam-Raketen ein, so auch wieder eine am Dienstagmorgen.

Ein hoher US-Beamter wurde nach Abschluss der Militäraktion vom israelischen Radio mit der Feststellung zitiert, Israel müsse künftig seine Attacken im Gazastreifen „sehr reduzieren“ sowie verhaftetete Hamas-Minister und -Abgeordnete freilassen – sofern nicht hieb- und stichfeste Beweise gegen diese vorlägen.

Nach dem Rückzug aus Beit Hanoun wurden zwei Bewaffnete des radikalislamistischen „Islamischen Dschihad“, darunter der Sohn eines örtlichen Anführers, erschossen. Bei einem Luftangriff am Nachmittag wurden mindestens zwei weitere Palästinenser getötet und vier verwundet. Ein Panzergeschoss schlug im Haus der militanten Hamas-Abgeordneten Jamila Shanti ein, tötete ihre Schwägerin – Witwe und achtfache Mutter – , einen prominenten Hamas-Kämpfer und eine weitere Person. Nach Palästinenser-Angaben war aus dem Haus nicht geschossen worden. Die israelische Armee versicherte hingegen, zuvor mit zwei Granaten beschossen worden zu sein. Außerdem habe man das Haus der Abgeordneten nicht gezielt attackiert. Dschamila Schanti hatte am Wochenende eine Demonstration palästinensischer Frauen gegen israelische Soldaten angeführt und dadurch etlichen umzingelten Bewaffneten die Flucht ermöglicht.

Der Kommandant der Militäraktion, Joel Strick, betonte, dass die Aktivitäten der Armee weitergingen, bis eine politische Regelung erzielt werde. „Wir kommen wieder, wann immer wir dies für notwendig halten.“ Die Palästinenser hätten erfahren, dass Israels Armee an jedem Ort aktiv werden könne. So sei man mit Beit Hanoun erstmals ins Zentrum einer palästinensischen Stadt gelangt und habe vor der Stadt neun Abschusskommandos für Kassam-Raketen vernichtet. Unter den 57 Getöteten befänden sich „bedauerlicherweise auch sechs Zivilisten“.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Premier Ismail Hanija von der radikalislamischen Hamas bemühen sich erneut um die Bildung einer Einheitsregierung, mutmaßlich bestehend nur aus von Fatah und Hamas entsandten Fachleuten unter einem formell nicht zur Hamas gehörenden Ministerpräsidenten. Allerdings wurden sich Abbas und Hanija nach Tagesspiegel-Informationen bisher nicht einmal in Personalfragen einig und haben die Diskussion über politische Fragen noch nicht aufgenommen.

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