Israel und der "Islamische Staat" : Die nächste Bedrohung

Den Lkw-Anschlag von Jerusalem soll ein IS-Sympathisant verübt haben. Wie gefährlich ist die Terrormiliz "Islamischer Staat" für den jüdischen Staat?

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Tatwaffe Lastwagen. Vier Menschen hat der Palästinenser Fadi al Qanbar in Jerusalem getötet. Foto: Menahem Kahana/AFP
Tatwaffe Lastwagen. Vier Menschen hat der Palästinenser Fadi al Qanbar in Jerusalem getötet.Foto: Menahem Kahana/AFP

Premier Benjamin Netanjahu verlor keine Zeit, um die Terrorattacke in Jerusalem am Sonntag mit dem „Islamischen Staat“ (IS) in Verbindung zu bringen. „Das ist Teil desselben Musters, inspiriert durch den IS, wie wir es in Frankreich gesehen haben, dann in Deutschland und jetzt in Jerusalem. Das ist Teil des andauernden Kampfes gegen diese globale Seuche eines neuen Terrorismus“, teilte er noch am Abend mit.

Kurz zuvor war der Palästinenser Fadi al Qanbar mit einem Lkw in eine Gruppe junger Soldaten gerast, vier Menschen kamen ums Leben. Schon zuvor hatte das Sicherheitskabinett die umstrittene Administrativhaft für Menschen angeordnet, die sich mit dem IS identifizieren. War Fadi al Qanbar ein IS-Terrorist? Haben die Dschihadisten auch in Israel Einzug erhalten?

„Dafür möchte ich erst Informationen der Sicherheitsdienste sehen“, sagt Yoram Schweitzer, Terrorismusexperte am Institut für Nationale Sicherheitsstudien. „Ich werde keine Tatsachen bestreiten, wenn sie denn vorliegen. Die Frage ist, ob der Mann beispielsweise in sozialen Netzwerken aktiv war und Kontakte zu IS-Leuten hatte. Wir müssen hinter politische Aussagen blicken.“

Schweitzer, der auch als Berater in Sachen Terrorbekämpfung für das Büro des Ministerpräsidenten arbeitet, erinnert an frühere Attacken in Israel, bei denen Autos und Bulldozer zum Terrorwerkzeug umfunktioniert wurden. „Der Angreifer von Jerusalem kann sich an den bisherigen Truck- Attacken orientiert haben – auch ohne IS-Sympathisant zu sein.“ Dennoch glaubt Schweitzer, dass die Gefahr eines Angriffes durch den IS real ist – genauso, wie sie es schon vor vielen Monaten war. „Israel steht auf der Agenda des IS.“

Von Feinden umgeben

Nur: derzeit wohl noch nicht sonderlich weit oben. Auch die Terrormiliz habe nur begrenzte Kapazitäten. „Aber je mehr Boden sie unter den Füßen verliert, desto größer wird die Bedrohung für uns.“ Denn ein Kampf gegen Israel – und damit gegen Juden – könnte dem IS wieder mehr Unterstützung bringen. Innerhalb und außerhalb des Landes.

Israel ist von potenziellen Feinden umgeben. Und diese sind nicht nur an der Nordgrenze zu Syrien, sondern auch im Sinai sowie in Jordanien aktiv. Und im Inneren lauern palästinensische Terroristen, die zwar nicht direkt dem IS angehören, aber sich mit der Ideologie identifizieren. Israelischen Experten zufolge haben sich einige Dutzend arabische Israelis dem IS angeschlossen. Und diese könnten nach Israel zurückkehren. Immer wieder heben Sicherheitskräfte Terrorzellen aus.

Auch in Gaza werden die „Gotteskrieger“ zu einer Bedrohung – für die Islamisten der Hamas. Der von Armut und Hoffnungslosigkeit geplagte Küstenstreifen ist zu einem Rekrutierungsgebiet für Dschihadisten geworden. Auch wenn die Kämpfer des „Islamischen Staats“ dort noch in der Minderheit sind, registriert die Hamas-Führung sehr wohl, dass ihr alleiniger Machtanspruch infrage gestellt wird.

Eine Gefahr für die Hamas

So kündigte schon vor anderthalb Jahren ein Sprecher der IS-Fanatiker an, die Terrororganisation werde die Herrschaft der Hamas beenden. Diese sei „zu weich“ im Umgang mit den „Zionisten“. Außerdem würden die religiösen Regeln des Islam in Gaza nur unzureichend umgesetzt –auch das ein Versuch, die Autorität der Hamas zu untergraben. Das wollen die Regierenden um Ismail Hanija keinesfalls hinnehmen.

Mehrfach sind Sicherheitskräfte gegen salafistische Gruppen und IS-Sympathisanten vorgegangen. Nicht zuletzt, um den Waffenstillstand mit dem jüdischen Staat nicht zu gefährden. Israel ist zwar erklärter Feind der Hamas – auf einen Krieg mit ungewissem Ausgang möchte sich dennoch niemand bei den Islamisten einlassen.

Ein Attentäter als Held. Palästinenser errichten ein Zelt zu Ehren des 28-Jährigen, der in Jerusalem vier Israelis tötete. Foto: Ahmad Gharabli/AFP
Ein Attentäter als Held. Palästinenser errichten ein Zelt zu Ehren des 28-Jährigen, der in Jerusalem vier Israelis tötete.Foto: Ahmad Gharabli/AFP

Doch militante IS-Anhänger setzen auf Konfrontation. In den vergangenen Monaten sollen sie mehrfach Raketen auf Israel abgefeuert haben – um einen Vergeltungsschlag zu provozieren. Der könnte das Ende der Hamas bedeuten. Und den Weg für den „Islamischen Staat“ freimachen. Eine Rechnung, die kaum aufgehen wird. Israel hat keinerlei Interesse daran, dass die einen Islamisten von anderen ersetzt werden. In Jerusalem gilt die Hamas zumindest in Teilen als berechenbar. Vom IS wird das kaum jemand behaupten.

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