Politik : Israel: "Wir sollten uns aus Westbank und Gaza zurückziehen"

52 israelische Soldaten haben ein Manifest ver&oum

Shlomo Avineri lehrt an der Hebräischen Universität. Er war von 1975 bis 1977 Staatssekretär im Außenministerium unter Ministerpräsident Rabin.

52 israelische Soldaten haben ein Manifest veröffentlicht, in dem sie sich weigern, innerhalb der besetzten Gebiete weiter Dienst zu tun. Ist dies ein singuläres Ereignis oder Anzeichen für ein breiteres Umdenken?

Meinungsumfragen in der letzten Woche haben ergeben, dass 75 Prozent der Bevölkerung die Aktion kritisiert und sie als einen Verstoß gegen die Regeln eines demokratischen Rechtsstaates ansieht.

Trotzdem mehren sich in Israel die Anzeichen, dass die Bürger den Stress durch die Terroranschläge nicht länger ertragen wollen. Sie wünschen sich Ruhe in ihrem Leben - praktisch um jeden Preis.

Diese Tendenz gibt es. Die Bevölkerung ist einverstanden, für Frieden und Ruhe gegenüber den Palästinensern einen hohen politischen Preis zu zahlen. Möglicherweise bedeutet dies, wenn auf absehbare Zeit keine Einigung mit Arafat möglich ist, dass Israel auch einseitig handeln muss.

Wie 1999 beim Rückzug aus dem Libanon?

Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung hält diesen Rückzug nach wie vor für richtig. Allerdings hatte dies eine problematische Wirkung auf radikale Palästinenser. Die glauben seither, wenn man die israelische Seite nur lange genug mit Terroranschlägen quält, wird sie sich zurückziehen.

Wie wollen Sie dem begegnen?

Ein einseitiger Rückzug muss auch für die Palästinenser harte Konsequenzen haben. Israel baut eine provisorische, hermetisch abgeriegelte Grenze. Palästinenser haben dann kein Eintrittsrecht mehr nach Israel. Sie haben ihre Autonomie, möglicherweise ihren Staat. Aber die Bevölkerungen werden vollkommen getrennt. Die israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen ist auch keine international anerkannte Grenze. Aber dort herrscht Ruhe. Ein einseitiger Rückzug ist immer eine Notlösung, immer nur die zweitbeste Alternative. Das Modell dafür ist Zypern. Dort leben die Bevölkerungen getrennt durch einen Grenzzaun, so lange ein Kompromiss noch nicht möglich ist.

Was bedeutet das für Jerusalem. Will Israel einen Zaun quer durch die Stadt ziehen?

Jerusalem bleibt ein Problem. Die Stadt sollte ingesamt, also mit den 180 000 palästinensischen Bürgern, bei Israel bleiben. Politisch bliebe die Jerusalem-Frage trotzdem für Verhandlungen weiter offen. Aber unser Hauptproblem sind die Selbstmord-Attentäter. Und von denen ist noch nie einer aus Ost-Jerusalem gekommen.

Was denkt die Bevölkerung über diesem Vorschlag?

Die Zustimmung nimmt zu. Selbst Ariel Scharons Vorgänger Ehud Barak und sein damaliger Außenminister Shlomo Ben-Ami, die den großen Kompromiss mit den Palästinensern in Camp David versucht haben, sehen keinen anderen Weg mehr. Auch sie sind inzwischen der Meinung, dass in der jetzigen Situation ein einseitiger Rückzug vorläufig der einzige Ausweg ist. Das belegt, wie stark sich nach dem Debakel von Camp David die öffentliche Meinung in Israel geändert hat.

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