Israelbesuch : Der Vatikan und die Juden - eine Chronologie

Das schwierige Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und den Juden war geprägt von Missverständnissen, Ignoranz aber auch von Fortschritten. Eine Chronologie seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

Martin Gehlen

Johannes Paul II. nannte es einmal ein "schwieriges Verhältnis, welches praktisch von den ersten Tagen der Kirche bis zur Gegenwart gestört" war. Abgesehen vielleicht von dem Konzilspapst Johannes XXIII. hat sich keiner der bislang 265 Nachfolger Petri intensiver für die Versöhnung zwischen katholischer Kirche und Judentum eingesetzt, als der 2005 verstorbene Papst aus Polen. Nahezu im Alleingang stellte er, der in einer Kleinstadt nahe Auschwitz aufgewachsen ist, das über 2000 Jahre gestörte Verhältnis zwischen beiden Bruderreligionen auf eine neue Grundlage. Nachfolger Benedikt XVI. jedoch zeigte im Umgang mit diesem kostbaren Erbe eine weniger glückliche Hand. Unter seiner Regie haben sich die Beziehungen zwischen Juden und Christen erneut eingetrübt. Eine Chronologie:

1964 besucht Paul VI. als erster Papst der Moderne für drei Tage das Heilige Land. Ost-Jerusalem und Bethlehem gehörten damals zu Jordanien. Der eintägige Besuch in Israel verlief frostig, bei allen fünf Ansprachen kommen dem Papst die Worte "Israel" und "Juden" kein einziges Mal über die Lippen.

1965: Das Zweite Vatikanische Konzil gibt den wichtigsten Anstoß für eine Neubestimmung im Verhältnis zwischen Katholiken und Juden. In ihrer Erklärung "Nostra Aetate" sprechen die Konzilsväter erstmals offiziell in anerkennenden Worten vom Judentum, betonen die geistliche Verwandtschaft mit dem Judentum und verurteilen jeden Rassismus. Im Text heißt es: "Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben."

1979: Johannes Paul II. besucht als erster katholischer Oberhirte das Konzentrationslager Auschwitz. Vor der Gedenktafel in hebräischer Schrift im Vernichtungslager Birkenau - "diesem Golgatha der modernen Welt" - kniet er nieder, um für das jüdische Volk zu beten, "dessen Söhne und Töchter vollständig ausgelöscht werden sollten". Niemand dürfe in Gleichgültigkeit an dieser Inschrift vorübergehen, sagt der Papst. "Dieses Volk leitet seinen Ursprung von Abraham her, unserem Vater im Glauben. Dieses Volk, welches von Gott das Gebot empfing ,Du sollst nicht töten', erlebte in besonderem Maße, was Töten bedeutet."

1984: Der Vatikan betont in dem Apostolischen Schreiben "Redemptionis anno" erstmals das Existenzrecht von Israel und Palästina. "Für das jüdische Volk, das im Staat Israel lebt, müssen wir um die gewünschte Sicherheit und die gerechte Ruhe bitten", schreibt der Papst. Aber auch "das palästinensische Volk hat aus gerechtem Grund das natürliche Recht, wieder eine Heimat zu finden".

1986: Johannes Paul II. nimmt als erster Papst in der Synagoge von Rom an einem jüdischen Gottesdienst teil. Unter dem großen Beifall der Anwesenden sagt er: "Ihr seid unsere Lieblingsbrüder und - in gewisser Hinsicht kann man sagen - Ihr seid unsere älteren Brüder." Der Oberrabbiner von Rom erwidert, die Entfernung vom Vatikan zu seiner Synagoge sei nicht groß, nur ein paar Kilometer. "Aber es dauerte zweitausend Jahre, sie zu überwinden - und Johannes Paul II. hat es getan."

1993: Der Vatikan und Israel unterzeichnen einen Grundlagenvertrag. In dem Abkommen verurteilt der Heilige Stuhl "Hass, Verfolgung und jede andere Form von Antisemitismus, gerichtet gegen das jüdische Volk oder einzelne Juden überall, zu jeder Zeit und durch jede Person". Besonders verdammte der Heilige Stuhl "alle Angriffe auf Juden sowie die Entweihung jüdischer Synagogen und Friedhöfe - Taten, welche die Erinnerung an die Opfer des Holocaust beleidigen". Erstmals trifft mit Meir Lau ein israelischer Oberrabbiner mit dem Papst in Rom zusammen.

1994: Der Heilige Stuhl und Israel nehmen diplomatische Beziehungen auf.

1998: Der Vatikan veröffentlicht die Erklärung "Wir erinnern. Eine Reflexion über die Shoah". Dem Kuriendokument, welches Kommentatoren als "streckenweise widerspruchsvoll, ängstlich, apologetisch, halbherzig und rückwärtsgewandt" kritisierten, ist eine persönliche Einleitung von Johannes Paul II. vorgestellt, welche eine ganz andere Sprache spricht. Der Papst nennt "das Verbrechen, dass als Shoah bekannt wurde, einen unauslöschlichen Schandfleck in der Geschichte dieses Jahrhundert". Er äußert die Hoffnung, dass die Erinnerung dazu beitrage, dass "die unaussprechliche Bosheit der Shoah nie wieder möglich wird".

2000: In einem feierlichen "Mea Culpa" im Namen der katholischen Weltkirche bittet der Papst das jüdische Volk um Verzeihung für "das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen". Bei seiner anschließenden Reise in das Heilige Land besucht Johannes Paul II. als erster Papst die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem und bittet an der Klagemauer in Jerusalem um Vergebung für christliche Untaten. Er beklagt aber auch das Leiden der Palästinenser und fordert ihre Rechte ein auf Selbstbestimmung, Arbeit und eine würdige Zukunft.

2005: Der im April neu gewählte Papst Benedikt XVI. besucht während des Weltjugendtages die Kölner Synagoge und verspricht, das Erbe seines Vorgängers fortzusetzen. Er wendet sich gegen jede Form von Antisemitismus und appelliert an die Verantwortung der Gegenwart, dafür zu sorgen, dass "nie wieder" das Böse die Herrschaft erlange.

2006: Benedikt XVI. besucht Auschwitz. An dem Gedenkstein in hebräischer Sprache im Vernichtungslager Birkenau sagt er: "An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen ist fast unmöglich - ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt."

2008: Der Papst lässt als Konzession an die traditionalistische Piusbruderschaft die tridentinische Messe wieder zu, die das Zweite Vatikanische Konzil abgeschafft hatte. In der Karfreitagsbitte des Ritus heißt über die Juden, Gott möge den "Schleier von ihren Herzen wegnehmen". Zwar mildert Benedikt XVI. mit einer neuen, eigenhändig geschriebenen Version diese verletzenden Passagen ab und formuliert, Gott möge "ihre Herzen erleuchten, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen." Dies wird von jüdischen Vertretern als Affront gewertet. Sie sehen alte antijudaische Vorurteile wieder aufkeimen und verstehen die Sätze als indirekten Aufruf zur Judenmissionierung. Doch der Papst lenkt nicht ein.

2008: Am Heiligabend gibt Benedikt XVI. bekannt, dass er im Mai das Heilige Land besuchen will.

2009: Der Papst hebt am 21. Januar die Exkommunizierung von vier Bischöfen der Piusbruderschaft auf, von denen einer, Richard Williamson, den Holocaust leugnet. Zwar erklärt Benedikt XVI., es stehe außer Frage, "dass jede Leugnung oder Verharmlosung dieses schrecklichen Verbrechens untolerierbar und völlig unannehmbar ist." Doch erst zwei Wochen später und nach massiver internationaler Kritik fordert der Vatikan Williamson öffentlich auf, "sich auf unzweideutige und öffentliche Weise von seinen Stellungnahmen zur Shoah" zu distanzieren. In einem Schreiben an alle katholischen Bischöfe bedauert der Papst "zutiefst", dass der Vorgang "den Frieden zwischen Christen und Juden wie auch den Frieden in der Kirche für einen Augenblick gestört" habe.

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