Israelische Siedler : "Gekläff der Politiker betrifft uns nicht"

Die Siedler wollen sich ihr Land nicht mehr nehmen lassen - ein Besuch in den Siedlungen Mevo Dotan, Eli und Ariel.

Charles A. Landsmann

Um in die einsame Siedlung Mevo Dotan im Nordwesten des Westjordanlandes zu gelangen, fährt man durch sonnenbestrahltes, fruchtbares Palästinensergebiet. Am Siedlungstor wird man durchgewunken.

Vormittägliche Ruhe überall. Sicherlich auch wegen der Glutofenhitze. Aber vor allem: Mevo Dotan ist wie die meisten Siedlungen ein Schlafdorf. Die Bewohner fahren zur Arbeit nach Israel, die Kinder werden in Schulbussen in größere Siedlungen transportiert. Pulsierendes Dorfleben der etwa 70 Familien gibt es erst am Abend und am Wochenende.

Zwei, drei Häuser werden gerade renoviert. Zwei andere stehen im Rohbau da. Siedlungbaustopp? "Ach was, denen ist das Geld ausgegangen. Haben wohl an der Börse spekuliert oder sind dem amerikanischen Halunken aufgesessen", meint ein Nachbar. Die nahgelegene Siedlung Eli feiert dieses Jahr 25 Jahre seit ihrer Gründung. Die ersten Siedler hatten ihre bescheidenen vorfabrizierten Häuschen gegen schöne Einfamilienhäuser eingetauscht. Der Siedlungssekretär lockte mit nicht rückzahlbaren Krediten anstatt Hypotheken, mit Prämien und Vergünstigungen. Ein kurze Rechnung ergab: Mit etwas Glück und einigen Tricks konnte man seinen Traum vom eigenen Häuschen ohne Eigenkapital realisieren.

Und jetzt? Eli ist gewachsen und soll noch viel, viel größer werden. 25 Kilometer lang ist der Sicherheitszaun um die Siedlung. Das kommunale Gebiet ist in etwa gleich groß wie das von Raanana, dem reichsten, gutbürgerlichen Tel Aviver Vorort mit seinen 75 000 Einwohnern auf fast 15 Quadratkilometern. Doch in Eli leben gerade einmal 700 Familien, und einige Dutzend Studenten einer vormilitärischen Ausbildungsstätte.

Die Landreserven sind gewaltig, das Baupotenzial fast unermesslich. Warum also erheben sich auf fast allen umliegenden Hügel sogenannte Außenposten, illegal errichtete Keimzellen neuer Siedlungen, die aus ein paar Wohncontainern und einem Wasserturm bestehen?

Tatsächlich können hier in Eli noch Zehntausende angesiedelt werden, ohne dass auch nur ein Quadratzentimeter palästinensisches Privatland dazu enteignet werden müsste.

Eli selbst ruht auf zahlreichen kleineren Hügeln, verbunden durch breite Straßen und herrliche Grünflächen. Die nach dem biblischen Hohepriester Eli benannte Siedlung - deren Name auf Hebräisch aber auch "Mein Gott" bedeutet - wirbt mit ihrer "einzigartigen Lebensqualität". Doch gute Luft auf rund 800 Metern Höhe, zahlreiche Sportanlagen und ein Einkaufszentrum können nicht darüber hinwegtäuschen, dass man mitten im palästinensischen Gebiet lebt. Wenn man auch über gut ausgebaute Straßen schnell in die etwa 35 Kilometer entfernten Metropolen Tel Aviv und Jerusalem gelangen kann. Dank Umgehungsstraßen im Sicherheitsabstand an zahlreichen palästinensischen Ortschaften vorbei, deren Bewohner diese Straßen nicht benutzen dürfen.

Es wird derzeit kaum gebaut in Eli, nur wenige Privathäuser, kein öffentliches Gebäude. Siedlungsekretär Sami Karsenti bestätigt: "Vorläufig ist nichts zu machen. Wir warten, wie alle Ortschaften (Siedlungen) hier, auf Baubewilligungen der Regierung, die seit längerem ausbleiben." Er ist aber sicher, dass sie kommen werden: "In fünf bis zehn Jahren werden wir uns - mit Gottes Hilfe - verdoppelt haben. Mindestens." Ariel, das sich stolz Hauptstadt Samarias nennt, ist die größte Siedlung des nördlichen Westjordanlandes mit seinen 17 000 Einwohnern, davon 7000 meist russische Einwanderer. Das Stadtgebiet umfasst aber gar einige Hektar weniger Land als Eli. Die Schubladen im Büro des seit 1985 amtierenden, streitlustigen Bürgermeisters Ron Nachman quellen über von Bauplänen, für die er auf grünes Licht aus Jerusalem wartet.

Doch von einem Baustopp kann keine Rede sein. In einem relativ neuen Viertel sind einige Wohnblocks sichtbar erst vor Kurzem bezogen worden, drei weitere noch im Bau, kurz vor Vollendung. Ist dies vielleicht das von Premier Benjamin Netanjahu reklamierte "natürliche Wachstum"?

In der Kleinstadt Ariel fühlen sich wohl die meisten Bewohner sicher vor "Obamas Zorn auf die Siedler". Denn: "Nennen Sie mich keinen Siedler. Ariel bildet das Zentrum einer der Siedlungsblöcke (zusammen mit Ma´ale Adumim östlich von Jerusalem und Gush Etzion südlich von Bethlehem), die bei Israel bleiben. Uns betrifft all das Gekläff der Politiker nicht. Wir bleiben hier und machen weiter. Auch nach Obama und Bibi."

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