Israelische Soldaten : "Wenn du nicht sicher bist – schieße!"

Erschießen von Zivilisten, Einsatz von Phosphorbomben in dicht besiedelten Wohngebieten, wahllose Zerstörung von Häusern und Moscheen – ein halbes Jahr nach Ende des Gazakriegs berichten israelische Soldaten in grausigen Einzelheiten vom Vorgehen ihrer Armee.

Martin Gehlen

Kairo Bei dem dreiwöchigen Kampfeinsatz, der am 18. Januar endete, waren mehr als 1400 Palästinenser getötet und über 5000 verletzt worden. Die 54 anonymen Aussagen von jungen Veteranen, die zur Jahreswende an der Militäroffensive „Gegossenes Blei“ teilnahmen, veröffentlichte am Mittwoch die vor fünf Jahren gegründete israelische Organisation „Breaking the Silence“.

„Die Feuerkraft war wahnsinnig“, sagte einer der Zeugen. Beim Kampf in Wohngebieten sei „jeder der Feind“, es gebe keine Unschuldigen. „Mein bester Arabisch-Übersetzer ist mein Granatwerfer“, zitiert ein Soldat die Antwort seines Vorgesetzten auf die Frage, wie sie in Gaza auf Zivilisten zugehen sollten. Ein anderer berichtete von „Hass und Freude am Töten“ unter seinen Kameraden. Es habe den Leuten nichts ausgemacht, Menschen zu erschießen. „Man fühlt sich wie ein kleines Kind mit einem Vergrößerungsglas, das Ameisen anschaut und sie verbrennt“, bekannte ein Wehrpflichtiger und fügte hinzu: „Ein 20-Jähriger sollte anderen Menschen diese Dinge nicht antun müssen.“

Übereinstimmend versichern die Zeugen, die Kommandeure hätten ihnen vermittelt, dass sie ohne moralische Bedenken vorgehen könnten. Das Wichtigste sei, dass kein israelisches Leben verloren gehe. Beim geringsten Zweifel sollten sie schießen, erinnert sich ein Reservist an Einsatzbesprechungen. Auch habe man palästinensische Zivilisten ohne Zögern als menschliche Schutzschilde missbraucht. Sie wurden gezwungen, vor den Soldaten in Häuser zu gehen, in denen Hamas-Kämpfer vermutet wurden. Manchmal habe man ihnen sogar eine Waffe direkt auf die Schulter gelegt. „Die Kommandeure sagten, das sind die Befehle, und wir mussten es machen“, sagte ein Ex-Soldat.

Die israelische Armee teilte mit, sie bedauere, „dass eine weitere Menschenrechtsorganisation Israel und der Welt einen Bericht vorlegt, der auf anonymen und allgemeinen Zeugenaussagen basiert, ohne ihren Hintergrund und ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen“. Es handele sich um „Diffamierung und Verleumdung“. Verteidigungsminister Ehud Barak erklärte, die israelischen Streitkräfte gehörten zu den „moralischsten der Welt“ und handelten nach den höchsten ethischen Standards.

Bedarf für neue Untersuchungen sieht die israelische Militärführung nicht. Die internen Überprüfungen sind nach ihren Angaben Ende April abgeschlossen worden. Danach hätten die israelischen Soldaten im Einklang mit dem internationalen Kriegsrecht gehandelt und ihr Möglichstes getan, um Zivilisten vor Schaden zu bewahren.

Dagegen betonte einer der Gründer von „Breaking the Silence“, Jehuda Saul, der Gazakrieg sei für die israelische Gesellschaft unverändert wie ein schwarzes Loch. Mit dem jetzt veröffentlichten Bericht wolle man die Bevölkerung informieren, um eine Diskussion darüber in Gang zu bringen, wofür das israelische Volk stehe. 

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben