Politik : Israelische Tragödie: Schüsse auf die Kameraden

Charles Landsmann

Wenn der Gegner eine schlimme Niederlage erleidet, fällt die Schadenfreude leicht. Mit bösem Spott reagieren im Gaza-Streifen palästinensische Politiker auf den Tod dreier Mitglieder der israelischen Elite-Einheit "Duvdevan" (Kirsche), die auf der Jagd nach dem meistgesuchten Hamas-Terroristen Abu Hanud vermutlich von anderen "Duvdevan"-Kämpfern erschossen worden waren. "Es gibt doch ein deutsches Sprichwort von der Grube, die man anderen gräbt und in die man selbst fällt", sagt Hamas-Vertreter Ismael Abu Shanab vieldeutig zu dem Vorfall in der Nacht zum Sonntag. Und dann spielt er auf die gute Ausbildung der "Duvdevan"-Einheit an, die als Gegenstück zur deutschen GSG 9 gilt. "Selbst wenn Abu Hanud im Schießen ausgebildet worden wäre, was er wohl kaum war, hätte er allein nicht drei der besten israelischen Soldaten töten können. Da ist den Israelis ein schwerer Fehler unterlaufen."

Das sehen inzwischen auch die israelischen Medien so. Immer mehr Einzelheiten der verunglückten Militäraktion werden bekannt, bei der die drei Oberfeldwebel Niv Jakobi, Liron Sharvit und Roey Even-Filsteiner ums Leben kamen. Und manche Information ist geeignet, das Vorgehen der Spezialeinheit "Duvdevan" der Lächerlichkeit preiszugeben. Die rund hundert Israelis zogen offenbar gleichzeitig ins arabische Dorf Assira Aschmalijeh ein, das als Hochburg der radikalen Hamas-Fundamentalisten gilt. Palästinensische Frauen erzählten der Tageszeitung "Haaretz", die israelischen Militärs hätten sich dann umgezogen und arabische Kleidung über ihre Uniformen gestreift: "Als mich einer sah", sagte eine Augenzeugin, "schaute er mich so seltsam, so feindselig an, dass ich ahnte: Das ist ein Israeli."

Mindestens zwei schwere Fehler, so ergaben erste Untersuchungen, hat die Spezialeinheit gemacht. Die Elitesoldaten hatten sich in mehrere Gruppen aufgeteilt und rund um das Haus Stellung bezogen, in dem sich tatsächlich der als Hintermann grausamer Bomenanschläge gesuchte Abu Hanud aufhielt. Doch als es im Dunkeln zum Feuergefecht kam, schoss eine Soldaten-Gruppe vom Boden aus auf Kameraden, die sich auf einem Häuserdach versteckten.

Ob alle drei getöteten Soldaten tatsächlich Opfer von so genanntem "Friendly fire" wurden, also von israelischem Militär erschossen worden sind, oder ob zumindest einer nicht doch von Abu Hanuds Schüssen getroffen wurde, müssen nun zwei Untersuchungskommissionen klären. Allerdings hat nicht nur Generalstabschef Shaul Mofaz sofort zugegeben, dass "schwerste Fehler passiert sind". Unabhängige Experten, darunter ehemalige "Duvdevan"-Kommandanten, kamen zu dem Schluss, dass nur israelische Schüsse die Kämpfer getötet haben können. Laut Mofaz könnte der tragische Ausgang der Operation verursacht worden sein durch falsche Standorte der Soldaten während des Einsatzes, fehlerhafte Identifizierung der Ziele oder ungenaues Feuer - möglicherweise aber auch durch eine Kombination aller dieser Faktoren.

Als Abu Hanud im Durcheinander aus seinem Haus fliehen konnte, passierte nach israelischer Überzeugung der zweite schwere Fehler. Beim Versuch, den durch mehrere Schüsse in Arm und Schulter verwundeten Abu Hanud abzufangen, bevor er ins palästinensische Autonomiegebiet der Stadt Nablus gelangte, schossen die "Duvdevan"-Soldaten wieder aufeinander und verletzten dabei einen weiteren Soldaten schwer. Eine Kugel drang nur einen Millimeter neben dem Herz in seinen Brustkorb, durch eine Notoperation wurde er gerettet.

An die Israels ausliefern wollen die Palästinenser den gesuchten Terroristen auf keinen Fall. Entscheidend sei, so sagt Israels stellvertretender Verteidigungsminister Ephraim Sneh, dass Abu Hanud gefasst sei und damit keine Bedrohung mehr bedeute. Doch allein die Festnahme Abu Hanuds garantiert noch keine Sicherheit: Noch am Sonntagabend entdeckten Fußgänger an einer belebten Kreuzung nahe des Jerusalemer Stadtzentrums eine Bombe. Der Apparat war in einem Rucksack versteckt, die Polizei ließ ihn sprengen. Die Rohrbombe enthielt etwa ein Kilogramm Sprengstoff.

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