• Israels Heim-ins-Judenreich-Politik schadet den Juden in Östereich und in ganz Europa (Kommentar)

Politik : Israels Heim-ins-Judenreich-Politik schadet den Juden in Östereich und in ganz Europa (Kommentar)

Raphael Seligmann

Jörg Haider zu bekämpfen ist gut. Denn der Kärntner macht die Niedertracht salonfähig. Das gefällt vielen. Der Kärntner ist gefährlich, nicht weil er so klug ist, sondern die anderen so dumm. Doch sein eigenes Süppchen bei der Anti-Haider-Kampagne zu kochen ist schlecht, weil es den Opportunismus entlarvt. Und damit die Gegnerschaft zum Aufstachler unglaubwürdig macht. Auf Dauer wird man Haider nicht mit Ausgrenzung beikommen. Das wird jetzt nicht weiter führen. Im Gegenteil. Die Methode erhöht die Neugier und damit die Anziehungskraft des Volksverdummers.

Immerhin, die Europäer haben erkannt, dass Haider und seine Brüder im Ungeiste ernst zu nehmen sind. Die Demokraten werden nicht darum herumkommen, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Rechtschaffene Empörung führt nicht weiter.

Nun hat die israelische Einwanderungsministerin Juli Tamir Österreichs Juden dazu aufgerufen, die Alpenrepublik zu verlassen und nach Zion auszuwandern. In Israel wären sie sicher. Dass diese Aufforderung später von ihrem Sprecher abgeschwächt wurde, ändert wenig am Schaden. Denn die Auswanderungsaufforderung geschah nicht zufällig - sie hat Methode.

Der Appell aus Jerusalem isoliert Österreichs Juden in ihrem Heimatland. Sie werden der doppelten Loyalität geziehen werden. Darüber hinaus entwertet die israelische Heim-ins-Zionsreich-Kampagne die Auseinandersetzung mit Haider und seinen allzu willigen Helfern.

Alle Haider-Gegner geben vor, im Namen der Menschlichkeit und Demokratie gegen den Volksverhetzer zu kämpfen. Doch was ist dieser Kampf wert, wenn man damit eigensüchtige Ziele verfolgt? Und Jerusalems Absicht ist kein Geheimnis.

Die geistig-politische Grundlage des jüdischen Staates ist der Zionismus. Pikanterweise hat ihn ein Wiener am Ende des 19. Jahrhunderts kreiert: der Publizist Theodor Herzl. Sein Credo lautete, die Juden hätten in aller Welt vergeblich versucht, als loyale Bürger anerkannt zu werden. An der Feindschaft, am Antisemitismus der Gesellschaften hätte dies nichts geändert. Daher bleibe den Juden nichts übrig, als sich eine eigene Heimat zu schaffen, den Judenstaat. Die Idee Herzls gewann unter den emanzipierten Juden Westeuropas nur wenig Anhänger. Sie fürchteten, der Zionismus könnte unter ihren nichtjüdischen Landsleuten Argwohn wecken: Zweifel am Patriotismus der Hebräer. So blieb der Zionismus in Westeuropa, vor allem in Deutschland und Österreich, das Steckenpferd einer Minderheit.

Wenige, meist junge Idealisten begeisterten sich für Herzls Bewegung, noch wesentlich weniger setzten ihre Ideale in die Tat um. Gerade einmal zweitausend von einer dreiviertel Million deutscher und österreichischer Juden, also weniger als ein halbes Prozent, wanderten bis Mitte der dreißiger Jahre nach Palästina aus. Die Stagnation des Zionismus änderte sich mit einem Schlag, als die Nazis 1933 in Deutschland an die Macht kamen und fünf Jahre später die Österreicher sich freudig in die braune Umarmung mit dem Hitlerreich stürzten. Nun waren hunderttausende bedrängte Juden, die zuvor die Zionisten verlacht hatten, froh, ein Asyl zu finden. Jene Hebräer, die dem Humanismus ihrer Landsleute vertrauten, zahlten dafür meist mit dem Leben.

Der mörderische Antisemitismus der Nazis verhalf dem Zionismus zur Realität. Drei Jahre nach der Niederwerfung des Hitlerreiches wurde der Judenstaat 1948 nach den Vorstellungen Theodor Herzls gegründet. Seither hat Israel mehr als drei Millionen bedrängte Juden aufgenommen: KZ-Überlebende aus Europa, Flüchtlinge aus den arabischen Ländern, aus Osteuropa, Iran, Äthiopien und zuletzt fast eine Million Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion.

Diese Integrationsleistung Israels ist unbestritten. Sie gibt den Juden in aller Welt das Gefühl der Sicherheit. Sie besitzen in der Not eine Zufluchtsstätte. Das ist der wichtigste Grund für die Unterstützung Israels durch die meisten Juden der Diaspora - obgleich viele nicht immer mit der Politik Jerusalems einverstanden sind.

Die Leistungen Israels dürfen dessen politische Führung jedoch nicht blind für die Anliegen der Juden außerhalb ihres Landes machen. So beschämte Israels Präsident Ezer Weizman vor wenigen jahren bei einem Deutschlandbesuch die hiesigen Hebräer. Er bezeichnete es als eine Schande für Juden, in Deutschland zu leben - und unterstellte den Deutschen unterschwellig Antisemitismus. Nun verfährt Israels Einwanderungsministerin ähnlich grobschlächtig.

Österreichs Juden sind wie viele andere über Haiders Polemik empört. Ihre Sicherheit ist jedoch nicht gefährdet. Jerusalem sollte Juden in aller Welt als mündige Menschen behandeln. Und nicht versuchen, ihnen vorzuschreiben, was sie zu tun haben. Was aus Rücksicht gegenüber Amerikas einflussreicher, von Israel gehätschelter jüdischer Gemeinde gilt, sollte auch für Österreichs und Deutschlands Juden gelten. Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Berlin.

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