• Israels neuer Präsident: Der Mann ohne Charisma - Warum Mosche Katzav das exakte Gegenteil von Schimon Peres ist

Politik : Israels neuer Präsident: Der Mann ohne Charisma - Warum Mosche Katzav das exakte Gegenteil von Schimon Peres ist

Charles A. Landsmann

Seine Haarfarbe entspricht seinem politischen Profil: grau. Mosche Katzav ist der klassische Hinterbänkler, der mit viel Glück, noch mehr Manipulation und dank eines Mangels an Feinden plötzlich an die Spitze gelangt ist - die Spitze des jüdischen Staates Israel. Er ist in jeder Hinsicht das exakte Gegenteil seines sensationell unterlegenen Gegenkandidaten Schimon Peres - und damit ist praktisch alles Wissenswerte über den 55-Jährigen gesagt.

Da der fulminante Redner und einzigartige Vordenker Peres mit seinem in harter Arbeit erschaffenen internationalen Ansehen - dort Katzav, der zum "tolerantesten und freundlichsten Abgeordneten" erkorene ehemals jüngste Bürgermeister eines gottverlassenen Entwicklungs-Städtchens. Da der farbige Intellektuelle und unermüdliche Buchleser und Workaholic Peres, dort die "graue Maus" Katzav, ehemaliger Bankbeamter und Provinz-Journalist. Da der Friedensnobelpreisträger mit Ecken und Kanten, dort der Mann, der von sich behauptet, er habe "keinen politischen Gegner in der Knesset".

Dennoch könnte Katzav bei all seinem ideologischen Ballast als überzeugter Nationalist und seinem Opportunismus vielleicht doch der richtige Mann sein, um die zahlreichen Klüfte zu überwinden, die Israels Bevölkerungsgruppen trennen. Helfen könnte ihm dabei auch seine Biographie, besuchte er doch ein religiöses Jeschiwa-Gymnasium, bevor er als erster Student seines Wohnortes - eines ehemaligen Immigrantenlagers - an der Hebräischen Universität Wirtschaft und Geschichte studierte. Einen Doktortitel hat der fast scheue und kleingewachsene Mann übrigens auch: Er ist Ehrendoktor der Universität Nebraska - nur findet sich in der Knesset niemand, der weiß weshalb. Mit 24 war Katzav jüngster Bürgermeister überhaupt in der kurzen Geschichte Israels; mit 32 zog er im Gefolge des ersten Machtwechsels von der Arbeitsbewegung zur nationalen Rechten unter seinem Förderer Menachem Begin in die Knesset ein; mit 38 war er Minister zuerst für Arbeit und Soziales, später dann für Transport und schließlich als Vizeministerpräsident auch für Tourismus; mit 55 ist er nun achter Staatspräsident Israels - der erste aus dem "Nationalen Lager".

Im von ständigen Regierungskrisen und von zahllosen Skandalen erschütterten jüdischen Staat war es schon eine Besonderheit für die Medien, auf Folgendes hinzuweisen: "Es gab nie eine polizeiliche Untersuchung gegen ihn" - obwohl ihm der Staatskontrolleur mehrfach attestierte, alle gesetzlichen Vorschriften in Bezug auf die Ernennung für öffentliche Ämter von Parteigängern missachtet zu haben.

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