Isreal : Barak - der Gefürchtete

Wie die Wahl in Israel auch ausgehen wird: Verteidigungsminister Ehud Barak wird wohl im Amt bleiben.

Charles A. Landsmann
Barak
Ehud Barak -Foto: dpa

Tel AvivEr sieht sich als einer der besten Militäranalytiker der Welt. Das bewies Ehud Barak, Israels Verteidigungsminister, zuletzt im Irakkrieg, als er die amerikanischen Truppenbewegungen und die Strategie der irakischen Armee teilweise bis auf den Kilometer genau vorhersagen konnte. Und auch im zurückliegenden Krieg um Gaza traf er zumindest in den Augen der meisten Israelis die taktisch richtigen Entscheidungen. Kurz vor der Parlamentswahl am 10. Februar hat das dem Chef der Arbeitspartei Auftrieb gegeben. War seine persönliche Beliebtheit kurz vor dem Krieg auf einem Tiefpunkt angelangt, sind jetzt 70 Prozent der Israelis der Meinung, Barak sei ein guter Verteidigungsminister. Die Mehrheit der Wähler möchte auch, dass der hochdekorierte Exgeneral im Amt bleibt – von der Mehrheit der Mandate in der Knesset ist seine Partei in den Umfragen trotzdem weit entfernt.

Und doch könnte Ehud Barak, der schon mehrfach um sein politisches Überleben kämpfen musste, die Rolle des Königsmachers zufallen. Denn Benjamin Netanjahu, der aussichtsreiche Chef des Likud-Blocks, hat bereits angekündigt, er wolle Barak auch nach einem Wahlsieg im Amt des Verteidigungsministers halten. Bisher koaliert die Arbeitspartei mit der Kadima-Partei von Außenministerin Zipi Livni.

Das Comeback von Barak kommt durchaus überraschend. Denn als Politiker hat der 67 Jahre alte Generalstabschef und Multimillionär bisher kein gutes Bild abgegeben. Auch seine engsten Parteifreunde erinnern sich mit Schaudern an Baraks kurze Amtszeit als Regierungschef zwischen 1999 und 2001, als der Militärexperte an seinem eigenen Hochmut, fehlenden zwischenmenschlichen Beziehungen und politischen Anfängerfehlern scheiterte. Baraks ungehemmte persönliche Ambitionen ließen keine klare politische Linie erkennen.

Der Egomane Barak ist superintelligent, ungeduldig und kaum zu beraten: Er hört sich seine Berater ganze 20 Sekunden lang an und wendet sich dann ab in der Überzeugung, den Sinn ihrer Aussage zu kennen und dass er es ohnehin besser wisse. Das mag als militärischer Kommandant noch akzeptabel sein, als unerfahrener Spitzenpolitiker aber ließ ihn dies mehrfach stolpern. Fehlentscheidungen häuften sich.

Nachdem ihn Ariel Scharon 2001 nach Neuwahlen an der Regierungsspitze abgelöst hatte, nahm sich Barak einige Jahre Auszeit. Er verdiente mit Beratungen und Vorträgen Millionensummen und kehrte schließlich in die Politik und an die Spitze der Arbeitspartei zurück. Das war nur möglich, nachdem der damalige Chef der Arbeitspartei, Amir Peretz, als Verteidigungsminister am Libanonkrieg vom Sommer 2006 gescheitert war. Als erfahrener Veteran der Streitkräfte galt Barak damals als der ideale Nachfolger.

In seiner Partei war man über Baraks Comeback allerdings wenig begeistert. Wenige Tage vor dem Kriegsbeginn in Gaza lagen Baraks Zustimmungswerte und die der Arbeitspartei tief im Keller. Voller Verzweiflung startete die Parteiführung eine aufsehenerregende Plakatkampagne. Darauf war ein Porträtfoto Baraks zu sehen. Darunter klebten Slogans wie: „Er ist nicht sympathisch“, „Er ist nicht nett“ – immer ergänzt durch den Nebensatz: „Aber er ist ein Anführer.“

Den ersten Sätzen stimmt Israels Bevölkerung auch heute noch ohne Vorbehalte zu. In den Augen vieler Wähler hat Baraks Kriegsführung dafür gesorgt, dass auch die Ergänzung stimmt. Entsprechend deutlich schnellten sein Ansehen und das Vertrauen in seine Person aus den Untiefen der Meinungsumfragen in die Spitzenpositionen, die totgeglaubte Arbeitspartei ist drittstärkste Partei – doch von ihrem Führungsanspruch weit entfernt.

Allerdings kann sich Barak nicht sicher sein, dass seine Rolle im Gazakrieg eine für ihn unangenehme Frage vollständig verdrängt hat: Ist der „neue Barak“ nicht doch der alte, der widerborstige, unnahbare, beratungsresistente? Ähnliche Fragen stellen die Medien auch im Zusammenhang mit Netanjahu, dessen von Affären überschattete erste Regierungszeit bei vielen Israelis ebenfalls in schlechter Erinnerung geblieben ist. Für beide könnte es sich als Glück erweisen, dass die Wähler in Israel weniger nach dem Charakter ihrer Spitzenpolitiker entscheiden, sondern darauf achten, unter wem an der Spitze sie das größtmögliche Maß an Sicherheit zu erwarten haben.

Bei einem einigermaßen guten Wahlergebnis könnte für Barak so noch ein lebenslang gehegter Wunsch in Erfüllung gehen. Zwar rechnet niemand damit, dass er ein zweites Mal in das Amt des Premierministers gewählt wird. Doch die Israelis könnten ihm zeigen, dass er nicht nur geachtet, respektiert und gefürchtet, sondern auch geliebt wird.

Zumindest an Mut fehlt es Ehud Barak nicht. Selbst im persönlichen Bereich hat er mit seiner überraschenden Scheidung von seiner populären Gattin Nava bewiesen, dass er den Begriff Angst nicht kennt: Er nahm keinerlei Rücksicht auf die negativen Auswirkungen seines landesweit kritisierten Vorgehens. Genauso wie er sich jetzt nicht um die höhnische Kritik am Verkauf seiner Luxuswohnung im 31. Stockwerk des teuersten Hochhauses in Israel kümmert: 40 Millionen Schekel (über 7,5 Millionen Euro) verlangen er und seine zweite Gattin, seine Jugendliebe Nili Priel. Viel zu viel in den Augen der Wähler für einen Chef einer angeblich volksnahen Arbeitspartei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben