Politik : Ist die Nato an einem militärischen Fehlschlag vorbeigeschrammt? (Kommentar)

Christoph von Marschall

War die Nato in ihrem Luftkrieg gegen Serbien weit weniger erfolgreich, als sie der Öffentlichkeit vorgegaukelt hat? Gravierender noch: Ist das Bündnis womöglich nur mit sehr viel Glück an einem militärischen Fehlschlag vorbeigeschrammt? Kurzum: War der Beschluss zur Intervention eine gefährliche Fehlentscheidung, wie deren Kritiker von Anfang an behauptet haben?

Nahrung hat diese These durch eine Nato-Studie erhalten, nach der die Luftangriffe weniger erfolgreich waren als zuvor behauptet. Schon im Sommer hatte das Bündnis Spott und Häme auf sich gezogen, als es einräumen musste, dass es mit seinen hochmodernen, Millionen Dollar teuren laser- und satellitengesteurten Waffensystemen oft nur billige Panzerattrappen der Serben zerstört hatte. Doch dies ist kein Sujet für ironische Betrachtungen über David und Goliath. Es ging um das Überlebensrecht von 1,8 Millionen Kosovo-Albanern. Und es ging, nachdem die Nato sich zum Eingreifen entschlossen hatte, auch um die Glaubwürdigkeit der mächtigsten Militär-Allianz der Welt. An der hängt im Falle eines Falles die Sicherheit der Bürger aller Nato-Staaten, auch die von 80 Millionen Deutschen. Deshalb müssen die Nato-Verteidigungsminister bei ihrer heute beginnenden Herbsttagung in Toronto schonungslos Bilanz ziehen: War die Entscheidung zum Eingreifen am 24. März richtig? Und: Lief etwas falsch während der Luftangriffe bis zum 10. Juni?

Das kostet Überwindung. Auch für Politiker ist die Versuchung groß, aus den Fakten die Details herauszusuchen, die ihre damaligen Beschlüsse rechtfertigen, und jene an den Rand zu drängen, die zu Korrekturen zwingen. Ihr zu widerstehen, ist nicht zu viel verlangt. Sie müssen ja nicht nach Schuldigen für ein Scheitern suchen. Das Ziel wurde erreicht: Serbien musste kapitulieren, die Vertreibung beenden, die Truppen abziehen, die Flüchtlinge zurückkehren lassen.

Doch die Nato muss sich eingestehen: Sie hat zwar nicht den größten Fehler begangen: einen Krieg zu wagen, den sie nicht gewinnen kann. Aber den zweitgrößten: einen Kampf nur mit halbem Herzen und halber Kraft zu führen. Anfangs hat sie - und haben mit ihr viele Beobachter, den Autor eingeschlossen - der Hoffnung zuviel Raum gegeben, Milosevic werde nach wenigen Tagen eines Bombenkriegs in homöopathischer Dosierung einlenken. Zweitens schlossen ihre politischen Entscheidungsträger den Einsatz von Bodentruppen gegen den unmissverständlichen Ratschlag der Militärs von Anfang an aus, weil sie die innenpolitische Debatte in den Nato-Ländern fürchteten. Das ist auch der Hintergrund der ernüchternden Treffer-Bilanz. Mit Unterstützung vom Boden bei der Zielerkennung hätten die Piloten die militärischen Ziele genauer bekämpfen können und wäre die Zahl der Fehlwürfe geringer gewesen.

Die Studie kontrolliert nur die Trefferquote im Kosovo, in Serbien war das nicht möglich. Sie kann auch die Frage nicht beantworten, was ausschlaggebend war für die serbische Kapitulation. Da ist die Nato auf ihre Mutmaßungen angewiesen - bis Beteiligte aus dem engsten serbischen Führungskreis glaubwürdig Auskunft geben. Vermutlich hat die Zerstörung von Panzern und die Tötung seiner Soldaten im Kosovo Slobodan Milosevic weit weniger beeindruckt als die zermürbende Erfahrung, dass er der Zerstörung der Raffinerien und Kernindustrien machtlos zusehen musste. Und dass die Nato mit ihren Graphitbomben die Stromversorgung in ganz Serbien beliebig unterbrechen konnte. Diese Waffe aber war, obwohl sie keine Menschen tötet, in der westlichen Öffentlichkeit umstritten, weil sie zivile Einrichtungen, auch Krankenhäuser, unvermeidbar ebenfalls trifft.

Mit entscheidend war gewiss, dass Belgrad nirgends mehr Rückhalt fand, auch in Moskau nicht. Das ist zum einen dem deutschen Werben im Kreml zu verdanken. Zum anderen aber, und auch das wäre für viele eine unbequeme Einsicht, der Bereitschaft der Nato, trotz der russischen Proteste bis zum Erfolg zu kämpfen. Moskau fürchtete eine neue politische Konfrontation weit mehr als der Westen, weil es auf dessen Hilfe nicht verzichten kann.

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