Politik : Ist Israel auf dem richtigen Weg? (Leitartikel)

Malte Lehming

Der Mann hat ein seltenes Hobby. Er zerlegt alte Uhren, repariert sie und baut sie anschließend wieder zusammen. Das entspannt ihn. Auch nach Feierabend befasst Ehud Barak sich am liebsten mit dem Faktor Zeit. Denn die Zeit ist einer der wichtigsten politischen Faktoren, seit es den Friedensprozess im Nahen Osten gibt. Jitzhak Rabin war zu schnell. Sein Tempo verunsicherte. Das kostete ihn das Leben. Benjamin Netanjahu war zu langsam. Seine Sturheit verärgerte. Das kostete ihn die Karriere. Und Ehud Barak, der am höchsten dekorierte Soldat der israelischen Armee, der vor einem Jahr zum Ministerpräsidenten gewählt wurde: Ist er zu schnell oder zu langsam? Tritt er in die Fußstapfen von Rabin oder von Netanjahu? Barak weiß, dass von der Beantwortung dieser Frage sein eigenes Schicksal und das einer ganzen Region abhängt.

Seine Bilanz sieht auf den ersten Blick ziemlich mager aus. Der Frieden mit Syrien stand vor einem Jahr ganz oben auf Baraks Agenda. Vor wenigen Monaten noch wähnten viele Beobachter einen Durchbruch zum Greifen nahe. Inzwischen sind die Hoffnungen zerstoben. Selbst der amerikanische Präsident konnte ein Scheitern der Verhandlungen nicht verhindern. Die Gespräche mit den Palästinensern wiederum schleppen sich dahin, zäh wie so oft und begleitet von dem periodisch an- und abschwellenden Druck der Straße. Gerade in diesen Tagen zeigt die Krawallkurve mal wieder steil nach oben. Allein der versprochene Abzug aus dem Libanon scheint fristgemäß bis zum Juli über die Bühne zu gehen. Aber damit wird die Nordgrenze Israels noch längst nicht vor Katjuscha-Raketen gefeit sein. Außerdem fehlt dieser Entscheidung ohne das Abkommen mit Syrien der Glanz. Etwa 35 000 syrische Soldaten sind im Libanon stationiert. Die Besatzungsmacht kann dort nach Belieben die Drähte ziehen. Ob es Israel nun passt oder nicht: Der Schlüssel für seine Sicherheit bleibt in Damaskus.

Barak hat allerdings ein zweites Hobby. Er spielt Schach. Das macht ihn kaum weniger zielstrebig, als Rabin es war. Es macht ihn nur bedächtiger. Er bevorzugt langsame, kontrollierte Erfolge. Er spielt positionell, nicht kombinatorisch. Deshalb hat er seine Koalition von Anfang an auf eine breite Basis gestellt. Sie soll möglichst viele Facetten der israelischen Gesellschaft repräsentieren. Territoriale Kompromisse sollen von einer großen Mehrheit getragen, nicht gegen die Hälfte der Bevölkerung durchgeboxt werden.

Ein so breites Bündnis ist natürlich schwerfällig. Das erzeugt Ungeduld, nicht nur bei den Palästinensern. Auch in Europa stellt man sich den Friedensprozess gerne wie einen Tarifabschluss vor: ein bisschen Drohung, ein bisschen Streik, dann kommt der Schlichter, und am Ende sind alle zufrieden. Deshalb wird Baraks Vorsicht oft mit Zauderei verwechselt. Aber Erwartungen, die sich nicht schnell erfüllen, können auch übertrieben gewesen sein. Womöglich wird der Nahost-Konflikt in fünf oder zehn Jahren immer noch ungelöst sein. Hundert Jahre hatte er bis zum Handschlag zwischen Rabin und Arafat gedauert. Die Wunden, die er geschlagen hat, kann selbst der gutwilligste Politiker in zwölf Monaten nicht heilen.

Besonders in Deutschland müsste man für die Macht der Geschichte Verständnis haben. Die Folgen der deutschen Teilung, die fünfzig Jahre lang währte, wirken bis heute nach. Dabei ist der Soli-Zuschlag das Ärgste, was den Westdeutschen abverlangt wurde. Im Vergleich zu den Konzessionen, die Israelis und Palästinenser auf sich nehmen müssen, ist das lächerlich wenig. Und was erst bedeutet das Zusammenwachsen eines Volkes gegenüber der Trennung zweier Völker, die bis vor kurzem von ihrem Recht überzeugt waren, ohne das jeweils andere auf demselben Stück Land leben zu dürfen? Was bedeutet die "Mauer in den Köpfen" gegenüber den Toten und Verletzten, die fast jede Familie im Nahen Osten zu beklagen hat?

Barak will den Frieden. Schon das unterscheidet ihn grundsätzlich von Netanjahu. Und was den Faktor Zeit betrifft, hat Barak von Rabin gelernt. Kontrollierte Schritte, die im Konsens geplant werden: Diese Strategie ist etwas Neues in der Region, und alle anderen Strategien haben versagt. Tickt der Hobby-Uhrmacher zu langsam oder zu schnell? Bislang tickt er ganz richtig.

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