Istanbul : Peinlich für künftige Kulturhauptstadt: "Barbaren im Palast"

Rechtsxtremisten haben versucht, ein Klavierkonzert auf dem Gelände des historischen Topkapi-Palast in Istanbul zu stürmen. Grund: Das Konzert wurde von einem Weinhersteller gesponsort – am ehemaligen Herrschersitz der muslimischen Osmanen sei das eine Beleidigung.

Thomas Seibert

IstanbulEine bekannte Pianistin, ein gutes Orchester, und Stücke von Tschaikowsky, Elgar und Beethoven: Als sich am vergangenen Wochenende die Tore des osmanischen Topkapi-Palastes in Istanbul für ein Konzert der Pianistin Idil Biret in einem Innenhof des Palastgeländes öffneten, freute sich das Publikum auf einen schönen Sommerabend unter freiem Himmel und einen Kunstgenuss vor historischer Kulisse. Doch nicht wegen der Musik macht der Abend Schlagzeilen, sondern wegen Ereignissen, die sich vor den Palasttoren abspielten. Rechtsnationalistische Extremisten versuchten, das Konzert zu stürmen, weil der Abend von einem Weinhersteller gesponsort wurde - am ehemaligen Herrschersitz der muslimischen Osmanen sei das eine Beleidigung.

Rund 50 Mitglieder der rechtsgerichteten Gruppe marschierten auf den Palast zu, rissen Konzertplakate ab, um sie zu verbrennen, und riefen Parolen. Das Konzert sei eine "respekt- und ehrlose Weinparty von Verrätern" sagte einer ihrer Anführer. Schließlich würden im Palast wichtige islamische Reliquien aufbewahrt. "Das werden die Verantwortlichen bezahlen."

Als die Männer versuchten, zu dem Konzert vorzudringen, schritt die Polizei ein, die vor den Toren aufmarschiert war. Pianistin Biret wurde nach dem Konzert unter Polizeischutz nach Hause gefahren. Die Demonstranten ließen sich unterdessen nahe der Palasttore zu einem Gebet Richtung Mekka nieder. "Barbaren im Topkapi-Palast", titelte eine Zeitung am Montag.

Die Proleten standen der Splitterpartei BBP nahe, die schon häufiger mit aggressiven Aktionen auf sich aufmerksam machte und deren Mitglieder in den Mord an dem armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink verwickelt gewesen sein sollen. Die BBP dementierte, dass sie die Aktion geplant habe, verteidigte sie aber als "demokratische Reaktion" auf den Weingenuss im Palast.

Gegner der islamisch-konservativen Regierung in Ankara sagen, der Angriff auf das Konzert sei Folge einer Islamisierung. "Soweit ist es mit der türkischen Republik schon gekommen", erklärte ein regierungskritischer Verband. Kritiker werfen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan vor, den Laizismus in der Türkei zu unterwandern, um einen islamischen Gottesstaat errichten zu können, was die Regierung zurückweist. Die Ereignisse vom Wochenende seien ein "Angriff auf die Republik" gewesen, sagte Sefik Büyükyüksel, der Ehemann der Pianistin Biret.

Die Künstlerin selbst gab sich kämpferisch. Eine Absage des Konzertes unter dem Druck der Extremisten sei für sie nicht in Frage gekommen, sagte sie. Biret ist ein lebendes Symbol der Republik: Schon als Zweijährige wurde sie vom damaligen Staatspräsidenten Ismet Inönü gefördert, einem engen Wegbegleiter von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk.

Unterdessen wurde deutlich, dass die Regierung genauso geschockt ist wie alle anderen, denn sie fürchtet um den Ruf Istanbuls, das im kommenden Jahr Europäische Kulturhauptstadt sein wird. Kulturminister Ertugrul Günay rief Biret an, um sein Bedauern über den Vorfall auszudrücken. Wer versuche, die Weiterentwicklung der Türkei aufzuhalten, werde die Härte des Staates zu spüren bekommen.

Die Demonstranten seien "Jammergestalten", die nichts von Geschichte oder Kultur verstünden, sagte der Minister: Schon unter den Sultanen habe es Opernaufführungen im Topkapi-Palast gegeben. Dass die aufgebrachten Rechtsextremisten nicht ganz sattelfest waren, was das Zielobjekt ihrer Protestaktion anging, zeigte sich zudem daran, dass sie vor den Toren des Palastes Parolen gegen ein "Jazzkonzert" skandierten.

Schlechte Nachrichten für die Eiferer hatte auch Ilber Ortayli, Historiker und Leiter des Topkapi-Museums: Gepichelt worden sei in den heiligen Hallen der Osmanen schon seit alters her, sagte Ortayli. Das gelte auch für Sultan Murat IV, der im 17. Jahrhundert als rabiater Gegner von Alkohol und Kaffee bekannt war. Selbst Sultan Murat habe im Palast heimlich hin und wieder einen gehoben, stellte Ortayli klar - "und was weiß ich wer noch".

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