Istanbul : Türken besorgt über Vorfälle in Deutschland

Keine drei Wochen nach dem Tod von neun Menschen bei dem verheerenden Wohnhausbrand von Ludwigshafen und den schweren Vorwürfen der Türkei gegen Deutschland berichten türkische Medien entsetzt von neuen Fällen mutmaßlicher ausländerfeindlicher Gewalt in der Bundesrepublik.

Susanne Güsten

„Der Hass, der nicht aufhört“, überschrieb die Zeitung „Yeni Safak“ am Mittwoch ihren Bericht über ein Feuer in einem von Türken bewohnten Haus in Marburg. Auch eine mutmaßliche Brandstiftung in Kreuzberg sowie der Fall eines jungen Türken, der von der Polizei in Hagen so schwer verprügelt worden sein soll, dass er im Koma liegt, sorgen am Bosporus für Schlagzeilen. Sie verstärken in der Türkei den Verdacht, dass Ausländerfeindlichkeit in Deutschland trotz aller offiziellen Dementis weit verbreitet ist.

In Marburg geht auch die deutsche Polizei von einer ausländerfeindlichen Tat aus, weil zwei Tatverdächtige die Parole „Ausländer raus“ gerufen haben sollen. Bei dem Brand im Eingangsbereich eines Hauses in Kreuzberg ist nicht geklärt, ob es einen politischen Hintergrund gibt. Dennoch berichtete das Fernsehen, wieder seien Türken „zum Ziel geworden“.

Besonders schwerwiegend ist der Verdacht, dass deutsche Polizisten einen jungen Türken in Hagen misshandelt haben sollen. Der 26-jährige, als Drogenabhängiger bekannte Adem Ö. hatte die Polizei gerufen, weil er sich von Afrikanern bedroht fühlte. Er wurde von Polizisten auf die Wache begleitet – „zwei Stunden später wurde er schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert“, meldete die Zeitung „Vatan“. Andere Zeitungen zitierten einen Arzt mit der Aussage, der Mann sei „furchtbar verprügelt“ worden. Die Polizei in Hagen hatte dagegen erklärt, der Mann habe auf der Wache ohne erkennbaren Grund randaliert und habe deshalb „körperlich fixiert werden“ müssen. Anschließend sei er kollabiert.

Der Menschenrechtsausschuss des türkischen Parlaments, der sich zu Recherchen in Deutschland aufgehalten hatte, warnte in Ankara vor möglichen Zusammenstößen zwischen Türken und Deutschen. Ausschussvorsitzender Zafer Üskül rief die deutschen Behörden zu einer öffentlichen Erklärung auf, um die Lage zu beruhigen. „Es gibt keine Zeit zu verlieren“, sagte er. Susanne Güsten

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