Italien : Die Fachleute suchen das Weite

Die Zahl der Auswanderer in Italien ist so hoch wie in den 60er und 70er Jahren. Der wichtigste Grund sind die schlechten Karriereaussichten.

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Rund 115 000 Italiener haben ihr Land im letzten Jahr verlassen.
Rund 115 000 Italiener haben ihr Land im letzten Jahr verlassen.Foto: picture alliance /ANSA

Schlagzeilen macht Italien normalerweise eher mit Einwanderung als mit Auswanderung. Im vergangenen Jahr sind 180 000 meist afrikanische Bootsflüchtlinge an den Küsten von Sizilien und Kalabrien gelandet und der Ansturm der Armutsmigranten und Kriegsflüchtlinge hält an. Doch im Schatten dieser Einwanderungswelle spielt sich in Italien auch ein Drama mit umgekehrten Vorzeichen ab. Rund 115 000 Italiener haben ihr Land im vergangenen Jahr verlassen, so viele wie noch nie seit der großen Auswanderungswelle zwischen 1960 und 1970. Die Zahl entspricht ungefähr der Bevölkerung einer Stadt wie Vicenza.

Seit Beginn der hartnäckigsten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit im Jahr 2006 hat die Zahl der Italiener, die ihr Glück außerhalb der Heimat versuchen, jedes Jahr zugenommen. Laut dem italienischen Außenministerium, das ein Register der im Ausland gemeldeten Landsleute führt, ist die Zahl der Auslandsitaliener von 2006 bis 2016 von etwas mehr als drei Millionen auf fast fünf Millionen gestiegen. Das sind nur die amtlichen Zahlen. Sie basieren auf den Angaben der Gemeinden, bei denen sich die Auswanderer abgemeldet haben. Da aber viele Italiener ihr Land verlassen, ohne sich regulär abzumelden, dürften die tatsächlich Zahlen noch deutlich höher liegen.

Bedenkliche Ausmaße

So oder so hat die neue Auswanderungswelle bedenkliche Ausmaße angenommen – vor allem deshalb, weil immer mehr gut ausgebildete Italiener ihr Land verlassen. Im Unterschied zu früher, als viele der Emigranten kaum lesen und schreiben konnten, sind heute die meisten Auswanderer gut bis sehr gut qualifiziert. Laut dem Statistikamt Istat besaßen von den Auswanderern der letzten sieben Jahre 48 Prozent einen Hauptschulabschluss, 30 Prozent ein Berufsdiplom oder ein Abitur und 22 Prozent einen Universitätsabschluss. Italien zahlt dafür einen hohen Preis. Laut einer Studie sind von 2008 bis 2015 durch die Auswanderung rund 23 Milliarden Euro an Bildungsinvestitionen ans Ausland verloren gegangen.

Interessanterweise wandern auch immer mehr ältere Menschen aus. Laut einer Studie des Verbands kleiner und mittlerer Unternehmen hat die Zahl der 40- bis 49-jährigen Auswanderer zwischen 2008 und 2014 um 85 Prozent zugenommen – der mit Abstand größte Zuwachs innerhalb der verschiedenen Altersgruppen. Immer mehr Italiener versuchen ihr Glück außerdem in China und anderen Staaten des Fernen Ostens. Die beliebtesten Zielländer bleiben freilich Deutschland und Großbritannien mit je rund 16 500 italienischen Einwanderern sowie die Schweiz und Frankreich mit je rund 11 000. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2015.

Der Hauptgrund für die Auswanderung sind die schlechten Berufs- und Karriereaussichten in Italien. Die Arbeitslosenrate beträgt 11,5 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 35 Prozent. Ein weiterer Grund ist aber auch die verbreitete Vetternwirtschaft. In Italien nützt oft das beste Abschlusszeugnis oder Staatsexamen nichts, wenn man keinen „santo in paradiso“ („Heiligen im Paradies“) hat. So werden in Italien die einflussreichen Leute in der Politik, in den staatlichen Großunternehmen und in der Verwaltung genannt, die Stellenausschreibungen meist nach Belieben dirigieren und manipulieren können.

Frustrierende Praxis

Arbeitsminister Giuliano Poletti hat diese für Millionen junge Italiener frustrierende Praxis unlängst bestätigt: „Ein Fußball-Spielchen mit den richtigen Leuten schafft oft bessere Job-Möglichkeiten als das Einsenden des Lebenslaufes“, sagte der sozialdemokratische Minister vor Kurzem. Das klang aber nicht nach Kritik, sondern eher nach einer Aufforderung, sich um ein Beziehungsnetz zu bemühen. Der Minister weiß, wovon er redet. Polettis Sohn hat eine gut bezahlte Stelle bei einer Zeitung erhalten, die vom Staat mit jährlich 190 000 Euro subventioniert wird.

Das Problem ist offensichtlich: Diejenigen, die an der Vetternwirtschaft etwas ändern könnten – Minister, Unternehmer und hohe Funktionäre –, haben daran kein Interesse, weil sie zum System gehören. Sie werden für die eigenen Kinder, aber auch für die ihrer Verwandten und Bekannten, immer einen guten Posten finden. Mögen diese noch so dumm und unbegabt sein. Dominik Straub

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