Italien : "Er wollte römischer Kaiser sein"

Seit Monaten fühlt sich Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi verfolgt, jeden Tag mehr. Nun verspotten ihn selbst engste Verbündete.

Paul Kreiner
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Silvio Berlusconi drohen mehrere Gerichtsverfahren. -Foto: dpa

Rom - Seit Monaten fühlt sich Silvio Berlusconi verfolgt, jeden Tag mehr: Von den „linken“ Zeitungen sowieso, von der „roten“ Justiz, von Mafiosi auch – und seine Paladine im Fernsehen beziehen auch noch aus- und inländische Geheimdienste in jenes „Komplott“ ein, das Berlusconi hinwegfegen oder gar in einen Staatsstreich münden soll. Nun will Berlusconi auch noch den Beweis für etwas gefunden haben, was er schon lange befürchtet: Dass ein Rädelsführer sogar in seiner eigenen Partei sitzt, dass Parlamentspräsident Gianfranco Fini, Mitbegründer von Berlusconis „Volk der Freiheit“, gegen den Regierungschef intrigiert.

Am Dienstagabend kam ein Video an die Öffentlichkeit. Es war bei einer Antimafiatagung in Pescara aufgezeichnet worden und zeigt Fini im Gespräch mit einem führenden Staatsanwalt. Was Fini nicht wusste: die Tischmikrofone waren eingeschaltet. Heute hört die Nation mit Erstaunen, wie locker der dritthöchste Mann im Staat über Berlusconi spricht.

Es geht los, als ein Redner der Veranstaltung den Satz fallen lässt: „Keiner von uns lebt ewig.“ Da denkt Fini offenbar an Berlusconis gegenläufige Selbsteinschätzung, grinst und spöttelt: „Wenn dich der Regierungschef hört, regt er sich furchtbar auf.“

Dann plaudert Fini mit dem Staatsanwalt über die jüngsten Anschuldigungen des Mafiaaussteigers Gaspare Spatuzza, denen zufolge Berlusconi 1993/94 der „politische Auftraggeber“ für einige tödliche Bombenanschläge war. Fini: „Spatuzzas Erklärungen sind eine Atombombe. Hoffen wir, dass (die Justiz) die Untersuchungen peinlich genau vornimmt.“ „Absolut“, antwortet der Staatsanwalt: „Hier kann man sich auch nicht den kleinsten Irrtum leisten.“

Immerhin findet Fini – im Gegensatz zu Parteifreund Berlusconi –, dass Ermittlungen in dieser Sache nötig sind. Dann kommt er direkt auf Berlusconi zu sprechen: „Dieser Mensch verwechselt die Zustimmung des Volkes, die er natürlich hat und die ihn zum Regieren berechtigt, mit einer Art von Immunität gegenüber jeder anderen Institution und Kontrollinstanz: Justiz, Rechnungshof, Staatspräsident, Parlament.“ – Der Staatsanwalt: „Er ist halt mit ein paar Jahrtausenden Verspätung auf die Welt gekommen. Er wollte römischer Kaiser sein.“ – Fini: „Ich hab ihm auch gesagt, er verwechselt politische Führung mit absoluter Monarchie. Privat hab’ ich ihm gesagt: ,Denk dran, dass sie dem (Name unverständlich, A. d. R.) den Kopf abgeschnitten haben. Also halt dich mal ganz still.‘“

Berlusconi war darüber derart empört, dass er Fini aus der Partei werfen wollte. Seine Berater haben ihn offenbar in letzter Minute davon abgebracht. Es war nicht das erste Mal, dass Fini sich von Berlusconi distanziert hat; der mal stille, mal laute Zweikampf ist nun auch offiziell eröffnet, da Fini es ablehnt, sich für seine Worte zu entschuldigen: „Ich sehe keinen Erklärungsbedarf.“ Paul Kreiner

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