Italien : "Linke setzt sich durch"

Bislang hat Romano Prodi alle Kraftproben mit dem Berlusconi-Lager glänzend bestanden. Dass mit Giorgio Napolitano ein Ex-Kommunist zum Staatspräsidenten gewählt wird, ist auch in Italien eine kleine Sensation.

Rom - Eine kleine Sensation ist die Wahl Giorgio Napolitanos zum Staatspräsidenten Italiens schon. Dass einmal ein Ex-Kommunist in den römischen Quirinalpalast - den Sitz des Staatspräsidenten - einziehen würde, das wäre bis vor wenigen Jahren einer Utopie gleichgekommen. Jetzt gewann der 80-jährige Senator die Wahl sogar mit einigen Stimmen aus dem Mitte-Rechts-Bündnis von Silvio Berlusconi. «Eine absolute Neuheit in der Geschichte des Landes», brachte es ein römischer Journalist auf den Punkt.

Wegen seiner großen Ähnlichkeit mit dem letzten italienischen König Umberto II. wird Napolitano in seinem Heimatland auch «der Prinz» genannt. Trocken, nüchtern, etwas bürokratisch wirkt der hoch gewachsene Mann mit dem schütteren Haar auf den ersten Blick - dabei widmet er sich in der Freizeit vor allem seiner musischen Ader. Der neue italienische Staatspräsident schreibt unter dem Pseudonym Tommaso Pignatelli Gedichte im Dialekt seiner Heimatstadt Neapel und stand als Jugendlicher in Theaterstücken des irischen Dramatikers William Yeats auf der Bühne.

Für den designierten Ministerpräsidenten Romano Prodi ist die Wahl des erfahrenen Süditalieners eine gute Nachricht, hat er doch die erste Kraftprobe im Parlament glänzend bestanden: Geschlossen stimmte sein Bündnis am Mittwoch für den eigenen Kandidaten - was angesichts der bunt zusammengewürfelten Koalition keineswegs selbstverständlich war. «Links setzt sich durch», meinte ein Kommentator. Nun könnte Prodi bereits in den kommenden Tagen den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten.

Nach den aufreibenden Parlamentswahlen von Mitte April hat Prodi damit alle wichtigen institutionellen Ämter an Politiker aus dem linken Spektrum verteilt: Fausto Bertinotti von der «Rifondazione Comunista» ist Präsident der Abgeordnetenkammer, nach zähem Gerangel wurde Franco Marini von der «Margherita» Senatspräsident - und jetzt schaffte es der Linksdemokrat Napolitano ins höchste Amt des Staates. «Die Linke hat sich aller wichtigen Ämter bemächtigt», mäkelte Berlusconi.

Napolitano war in seiner langen politischen Karriere von 1992 bis 1994 Präsident der Abgeordnetenkammer und unter der Regierung von Romano Prodi (1996-1998) der erste kommunistische Innenminister Italiens. Allerdings gilt er weithin als «anomaler Kommunist», wie ein italienischer Journalist einmal bemerkte. Schließlich war er einer der großen Modernisierer der kommunistischen Partei PCI, die seit den 1960er Jahren als eine der bedeutendsten Vertreterinnen des Eurokommunismus galt und sich vom Sozialismus sowjetischer Prägung abwandte. Nach dem Fall der Mauer hatte Napolitano Anfang der 90er Jahre maßgeblich Anteil an der Umwandlung der PCI in die linksdemokratische DS.

Der heutige Chef der Linksdemokraten, Massimo D'Alema, der lange selbst als heißer Anwärter auf das Amt des Staatspräsidenten galt, würdigte Napolitano als Politiker, «der außerhalb des politischen Streits steht». Er sei ein «Mann des Gleichgewichts von höchstem institutionellem Prestige». Erst im vergangenen Jahr wurde Napolitano von Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi für «seine großen Verdienste im sozialen Bereich» zum Senator auf Lebenszeit ernannt - und derer gibt es in Italien derzeit nur sieben. (Von Carola Frentzen, dpa)

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