Politik : Italien wählt: Als wär noch Kalter Krieg

Clemens Wergin

In der Gunst der Fernsehzuschauer zumindest hat Francesco Rutelli die Wahlen gewonnen: Sieben Millionen Italiener wollten Freitagnacht den Kandidaten der Mitte-Links-Koalition in der Talkshow "Raggio Verde" sehen. Silvio Berlusconi lockte im hauseigenen Sender bei der Costanzo-Show nur fünf Millionen vor die Bildschirme. Das ist jedoch kein Indiz für die Präferenzen der Italiener bei den Wahlen am Sonntag. Den meisten war es schlicht zu langweilig, Berlusconi wie immer nur mit sanften Fragen konfrontiert zu sehen. Denn man kann viel sagen über den Wahlkampf der letzten Monate, über die Polarisierungen, die Beschimpfungen, die immer häufigeren Ordnungsrufe des Staatspräsidenten Ciampi.

Am wenigsten Zivilcourage gezeigt jedoch haben Italiens Journalisten. Sei es, weil Berlusconi drei Privatsender selber besitzt, sei es, weil die Journalisten der drei staatlichen Sender Angst um ihren Job haben im Falle eines Regierungswechsels: Berlusconi hatte nur Heimspiele. Stets hat er die Bedingungen diktiert, zu denen er bereit war, ins Studio zu kommen. Befragen ließ er sich nur von konservativen Journalisten. Und so ist es nicht nur eine Frage des Stils, dass sich Francesco Rutelli auch am letzten Abend des Wahlkampfes Fragen aus allen Lagern gestellt hat: Denen des Chefredakteurs der konservativen "La Stampa" aus Turin genauso wie denen des "Il Giornale", einer Zeitung, die Berlusconi an seinen Bruder Paolo abgetreten hat, und dessen Chefredakteur alles tat, um sich als "His Masters Voice" zu profilieren.

Dass das Fernduell der beiden Kontrahenten so wichtig wurde, hatte zwei Gründe: einmal die ungewöhnlich hohe Zahl der unentschlossenen Wähler. Sie liegt bei 20 bis 30 Prozent. Zum zweiten hatte Berlusconi seinem Rivalen bis zum Schluss ein direktes Duell verweigert mit den Worten, Rutelli habe sich das nicht verdient. Der hätte womöglich auch noch unbequeme Fragen gestellt. Wer auch immer am Ende die Nase vorn haben wird, der Wahlkampf hat Italien verändert. Berlusconi ist es gelungen, mit seiner Kampagne das Land wieder in die zwei historischen Blöcke aus der Zeit des Kalten Krieges zu spalten. "Die entscheidende Wahl" war das Motto der Rechten, das nahelegte, dass im Falle einer Niederlage die Apokalypse drohe. Soviel Kommunistenhatz war nie. Überall lauerten Verschwörungen der Linken.

Als der "Economist" kritisch über die vielen Prozesse des Medienmoguls und seine dubiosen Geschäftspraktiken berichtete, wurde er in "Ecomunist" umgetauft. Und Berlusconi präsentierte sich wieder mal als armes Opfer der Medien. Viel ist über den "Cavaliere" geschrieben worden, über seine Medienmacht, seine Prozesse. Doch Berlusconi hat auch Spuren in der Gesellschaft hinterlassen: Seit sieben Jahren führt er einen Kreuzzug gegen Richter und Staatsanwälte, die gegen ihn ermitteln. Und inzwischen glaubt so mancher, was Berlusconi nicht müde wird zu wiederholen: Dass man ihm aus politischen Gründen am Zeug flickt.

Und so geht hinter dem Wahlkampfgetöse auch die Zeit der "Mani Pulite" zu Ende, jener Korruptionsermittlungen, die Anfang der 90er das alte System zum Einsturz brachten. Ein Ermüdungseffekt ist eingetreten. Und die Schamfrist ist vorbei. Berlusconis Koalition ist voll von Kandidaten, die in Prozesse verwickelt waren, verurteilt wurden oder sich mit dem Staat auf Strafzahlungen gegen Geständnis einigten. Der moralische Impuls der "Sauberen Hände" ist verebbt - die Gleichgültigkeit vieler Italiener gegenüber Berlusconis Prozessen ist dafür nur ein Indiz.

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