Politik : Italien

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Giuseppe Zucconi,


Generation 25

Der Ausdruck Vereinigte Staaten von Europa ist mir aufgrund meines Interesses an aktueller Politik und meines Jurastudiums schon öfter begegnet, doch erst in letzter Zeit habe ich wohl seine tiefere Bedeutung erfasst. Die Zeitungen und Rechtsbücher hatten mir ein Konzept von den Vereinigten Staaten von Europa vermittelt, das einer europäischen Föderation, einem Bundesstaat Europa entsprach, also ein rein technisch-rechtliches Konzept als Modell für die territoriale Organisation des zukünftigen Europa. Die Protagonisten der so verstandenen Vereinigten Staaten von Europa sind die Staaten, nicht die Menschen.

Die Frage erweckte zwar meine Neugier und mein wissenschaftliches Interesse, aber keine wirkliche innere Teilnahme. Aus welchem Grunde hätte diese „Staatensache“ mich persönlich, meine Freunde und meine Familie etwas angehen sollen? Was hatten die Vereinigten Staaten von Europa mit meinem Leben und mit meiner Zukunft zu tun?

Dann begriff ich langsam.

Ich begriff es langsam, als ich Europa zum ersten Mal wirklich erlebte, als ich es auf der Haut spürte. Ich begriff es langsam, als ich an jenem europäischen Experiment teilnahm, dem Erasmus-Projekt, quasi eine Generalprobe für das Vereinte Europa. Ich begriff es langsam, als ich entdeckte, dass die Begegnung und das Zusammenleben zwischen jungen Europäern für mich und für alle eine außergewöhnliche Quelle positiver Energie und kreativer Aufladung und ein wunderbarer Antriebsmotor für Unternehmergeist und soziale Begeisterung war.

Ich begriff langsam...

Ich begriff es langsam – auch als ich über die anderen und berühmteren vereinigten Staaten nachdachte, die bereits bestehen. Die technisch die Vereinigten Staaten von Amerika sind, die aber jeder vertraulich Vereinigte Staaten nennt. Mir wurde klar: Wenn ich an jene Vereinigten Staaten (von Amerika) denke, dann bestimmt nicht an die juristische Tatsache des Föderalismus; die Worte Vereinigte Staaten lassen mich keineswegs sofort an die konkurrierende Zuständigkeit oder an das Subsidiaritätsprinzip denken. Wenn ich „Vereinigte Staaten“ sage, denke ich an den Enthusiasmus Gershwins und Duke Ellingtons, an die Kreativität Walt Disneys, an die positive Energie Benny Goodmans. Dann denke ich an Jazz, in seinem weitesten Sinne, als Stimme der multiethnischen und multikulturellen Neuen Welt, Stimme eines Abenteuers – von Menschen mit einem unendlichen Reichtum an Lebenserfahrung; dann denke ich an jenes junge und bunte Land, das Anfang des 20. Jahrhunderts den Jazz hervorbrachte – im Gegensatz zu dem Grauen, das die alten, nationalistischen Länder erzeugten.

Während ich Erasmus, mein eigenes europäisches Abenteuer, erlebte, hörte ich wieder Jazz und sah wieder die Arbeiten Walt Disneys; und schlagartig wurde mir bewusst, dass in dieser Musik, in diesen Bildern, die gleiche positive Energie, die gleiche kreative Spannung, die gleiche Begeisterung steckte, von der auch ich durchdrungen war. Mein Enthusiasmus war europäisch, ihrer amerikanisch, aber beide waren gleich!

Der Autor, Jahrgang 1981, verbrachte ein Jahr mit Erasmus an der Universität Bonn, eine Erfahrung, die ihn den Verein „Erasmus in Campus“ in Rom gründen ließ, der Erasmus-Studenten betreut. Übersetzt aus dem Italienischen von Karin Ayche.

 

 

Luca di Montezemolo,
Generation 50

Wer könnte sich heute unseren Kontinent ohne die EU vorstellen? Die Euroskeptiker schauen auf Europa und sehen bestenfalls einen integrierten Markt, verstehen jedoch nicht, dass der Markt zwar ein Instrument ist, die gemeinsamen Werte jedoch das Fundament der Gemeinschaft bilden. Heute operiert Europa in erster Linie in einem internationalen Rahmen: Das Governance-Modell, an dem sich Europa orientiert, basiert auf Multilateralismus. Die Beteiligung und das Engagement in den internationalen Institutionen zeigen dies.

Wir haben uns für ein System gemeinsamer internationaler Regeln entschieden, das auf der allmählichen Öffnung der Märkte und auf einem hohen Maß an sozialer Sicherung und Umweltschutz beruht und für die EU eine maßgebliche Belastung in Bezug auf ihre wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit beinhaltet.

Die Nachhaltigkeit des europäischen Sozialmodells, ein Element, das Europa gegenüber seinen Partnern auszeichnet und abhebt, läuft – zumindest kurzfristig – Gefahr, seiner Wettbewerbsfähigkeit zu schaden. Europa hat jedoch langfristig investiert und sich für die Gewährleistung jener Werte und Ziele entschieden, auf denen seine Existenz beruht. Die Lissabon-Strategie ist ein Beispiel dafür, da sie in einem ehrgeizigen, auf zukünftige Generationen ausgerichteten Policy-Mix neben Wirtschaftswachstum, Wettbewerbsfähigkeit und der Schaffung von Arbeitsplätzen auch Umweltverträglichkeit, Solidarität und den sozialen Zusammenhalt zum Ziel hat.

Der Autor, Jahrgang 1947, wurde 1973 Assistent von Enzo Ferrari . Heute ist er Vorstandsvorsitzender von Ferrari, Maserati und Fiat, sowie unter anderem Präsident der Universität La Sapienza in Rom. Übersetzt aus dem Italienischen von Karin Ayche.





Astrid Donadini,
Generation 75

Vor einigen Jahren sah ich in einer Festschrift anlässlich des Jahres der Sprachen in Europa, als Symbol den Turm zu Babel abgebildet. Dieses Bild stand für mich und für Menschen, die wie ich an den Europäischen Traum glauben, im Widerspruch zur Idee Einheit in der Vielfalt. Es hätte genügt die entsprechende Stelle in der Genesis zu lesen. Danach griff Gott ein, wie es seine Art war, um den Menschen zu zeigen, dass man mit Stolz und Wahn nichts erbauen kann. Der Herr verwirrte ihre Sprache, dass keiner des anderen Sprache verstehe, und zerstreute sie in alle Länder, dass sie aufhören mussten, ihre Stadt zu bauen. Daher hieß die Stadt Babel (Verwirrung). Ich möchte, dass der Europäische Traum sich verwirklichen möge; in Erinnerung daran, in welchem Maße die Multikulturalität in der mitteleuropäischen Erfahrung tatsächlich einen Mehrwert für die multiethnischen und vielsprachigen Generationen von heute darstellt.

Ich möchte eines Tages gern Manifeste zur Feier der sprachlichen Multikulturalität Europas sehen: Große bunte Plakate mit einem Bildsymbol, aber nicht auf den Turm zu Babel, sondern auf Pfingsten bezogen, als den Jüngern Zungen erschienen, zerteilt, als wären sie aus Feuer, und sie setzten sich auf jeden von ihnen, „... und sie fingen an, in anderen Zungen zu sprechen. Als dies geschah, kam die Menge zusammen und war bestürzt, denn jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.“

Die Autorin, Jahrgang 1942, ist seit über 30 Jahren Deutschlehrerin an italienischen Schulen und Hochschulen und hat bei europäischen Austauschprojekten wie Erasmus oder Socrates maßgeblich mitgewirkt.

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