Politik : Italiener versteckten verletzte Terroristen vor US-Soldaten

Chef des Roten Kreuzes spricht über Befreiung entführter Landsleute im Irak / Berlusconi soll heimliche Aktion akzeptiert haben

Paul Kreiner[Rom]

Bei der Befreiung der verschiedenen italienischen Geiseln im Irak wurden die US- Truppen gezielt umgangen und getäuscht. Das hat jetzt der damalige Leiter des italienischen Roten Kreuzes, Maurizio Scelli, bestätigt. Der Turiner Zeitung „La Stampa“ verriet er auch, dass das italienische Rote Kreuz als Gegenleistung für die Freilassung zweier entführter Aufbauhelferinnen in Bagdad vier verwundete irakische Terroristen heimlich „operiert und aus Lebensgefahr gerettet“ habe.

Die beiden Italienerinnen – Simona Torretta und Simona Pari – waren am 7. September 2004 in Bagdad verschleppt worden und tauchten drei Wochen später, nach offiziellen Angaben vom Roten Kreuz befreit, heil und gesund wieder auf. Dass ein Lösegeld von mindestens einer Million Dollar bezahlt worden sei, wie irakische und ausländische Medien meldeten, dementiert Italien seither. Scelli sagte damals, allein der gute Ruf und die Unparteilichkeit des Roten Kreuzes hätten die Entführer zum Umdenken bewogen. Ferner seien vier leukämiekranke Kinder zur Behandlung nach Italien gebracht worden.

Jetzt ergänzt Scelli, im Bagdader Lazarett habe seine Organisation auch vier von den USA dringend gesuchte Terroristen behandelt: „Das haben die Vermittler (in diesem Entführungsfall) verlangt. Die Aktion war nicht einfach: Wir mussten die Verletzten ins Lazarett schaffen, ohne dass die Amerikaner es bemerkten. Vor dem Spital waren zwei amerikanische Kontrollpunkte. Wir mussten sie umgehen. Dafür schickten wir eine Ambulanz und einen Jeep los, die offiziell Medikamente auszuliefern hatten. In Wahrheit holten sie an einem vereinbarten Platz die im Kampf Verwundeten ab – und versteckten sie zur Rückfahrt unter Decken und Medikamentenkartons.“

Alle Entführer hätten an die italienischen Verhandler die „unabdingbare“ Forderung gestellt, „gegenüber den Amerikanern zu schweigen“, so Scelli. Diese Bedingung sei vom Amt des Regierungschefs in Rom „geteilt und akzeptiert“ worden – vom April 2004 an, als vier italienische Angestellte einer privaten Sicherheitstruppe verschleppt wurden. Man habe fallweise nicht einmal den Vizekommandanten der alliierten Streitkräfte, den italienischen General Mario Marioli, eingeweiht.

Die von Rom gegen Washington hartnäckig verteidigte These indes, zumindest von der Befreiung der Journalistin Giuliana Sgrena hätten die USA gewusst – bei der Fahrt zum Bagdader Flughafen am 4. März 2005 erschossen US-Wachsoldaten den italienischen Geheimdienstler Nicola Calipari –, dementiert auch Scelli nicht. Vielleicht weiß er dazu auch nichts, denn er bestätigt, dass das Rote Kreuz zumindest in die „letzte Phase“ dieser Befreiung nicht involviert war.

Aus Scellis Aussagen wird deutlich, dass Rom zur Geiselbefreiung in der Regel wohl mehrere Kanäle aktiviert hatte – und dass die einen Verhandler unter Umständen nichts wussten von der Aktivität der anderen oder gar von Lösegeldzahlungen. Selbst die Regierung war nicht immer im Bilde darüber, was in Bagdad geschah: Scelli lobt den „wirklich außerordentlichen“ Geheimdienstler Calipari dafür, dass er „Verantwortung übernahm gegen den Willen und gegen eine Anordnung seiner Vorgesetzten“.

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