Italiens neuer Politik-Star : Jung, beweglich – doch was will er?

Der Sozialdemokrat Matteo Renzi ist der neue Held der italienischen Politik. Nun tritt der agile Bürgermeister von Florenz auch für den Parteivorsitz der regierenden Linken an.

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Matteo Renzi, der linke Bürgermeister von Florenz.
Matteo Renzi, der linke Bürgermeister von Florenz.Foto: picture alliance / dpa

Rom - Sie mögen ihn nicht besonders. Sie betrachten ihn voller Misstrauen, aber er holt die Stimmen. Das alte Parteivolk der italienischen Linken hat es lieber behäbig. Und dann kommt einer, der will die alten Strukturen und Apparate – so wörtlich – verschrotten, das ergraute Kader-Personal eingeschlossen. Noch nicht einmal 39 Jahre alt ist Matteo Renzi. Anders als sich das für einen zünftigen Linken gehört, hat er sich nicht durch die Organisationen der Partei hochgedient. Bürgermeister von Florenz ist Renzi auf eigene Faust geworden. Seit drei Jahren fegt er als Wirbelwind durch den „Partito Democratico“. Am Sonntag will er Parteichef werden.

Der „Partito Democratico“, heute die stärkste unter den italienischen Regierungsparteien und die Partei von Ministerpräsident Enrico Letta, ist erst sechs Jahre alt. Und doch sucht sie nun bereits den fünften Chef. Mit keinem waren die Sozialdemokraten bisher zufrieden. Der bisher letzte, Pier Luigi Bersani, hat nach dem verpatzten Wahlsieg vom Februar aufgeben müssen. Mit Renzi, sagen viele, wäre das nicht passiert. Renzi wäre tatsächlich gerne als sozialdemokratischer Spitzenkandidat angetreten; man sagt, er hätte überall, auch im rechten Berlusconi-Lager, mehr als genug Stimmen geholt. Doch das Parteivolk sprach sich gegen den stürmischen Bürgermeister aus. Bei den Urwahlen vor einem Jahr siegte Bersani, der Mann des Apparats.

Nun tritt Renzi nochmals an. Als Kandidat für einen Parteivorsitz, den er allerdings als Sprungbrett betrachtet. Wenn 2015 das Parlament neu zu wählen ist, dann will er nach dem Amt des Regierungschefs greifen dürfen. Seine Gegner fürchtet er nach außen hin nicht: Gianni Cuperlo, der letzte Anführer der kommunistischen Jugend in Italien und heute – dementsprechend – Liebling der Alten in der Partei, bekommt den Umfragen nach wenig mehr als 20 Prozent. Der zweite, Pippo Civati, bleibt sogar noch darunter. Beide werfen sie Renzi vor, vor lauter Selbstdarstellung – womöglich ein zweiter Berlusconi? – die Inhalte oder zumindest sämtliche linken Positionsbestimmungen vergessen zu haben. Renzi wiederum kann mit Ideologie nichts anfangen. Er will „handeln“. Er will „Italien verändern“ und „Italien retten“.

Was er wirklich will, ist schwer zu sagen. Mal unterstützt Renzi die Regierung Letta. Mal sagt er: „Wenn sie nun, nach der Abkoppelung von Silvio Berlusconi, nicht endlich zur Gänze tut, was unsere Partei will, dann kann sie nach Hause gehen.“ Wer wird sich, fragen Beobachter, Renzis Provokationen zuerst entziehen wollen – Letta oder die von Berlusconi abgespaltene „Neue Rechte Mitte“ um Vizepremier Angelino Alfano? Die sollen mal ganz ruhig sein, sagt Renzi: „Wir haben 300 Sitze und sie 30.“ Da gibt Alfano ungerührt zurück: „Ohne uns als Mehrheitsgaranten können die Sozialdemokraten gleich gar nicht regieren.“ Will Renzi etwa Neuwahlen vom Zaun brechen? Und wann? Derzeit wäre eine Niederlage der Sozialdemokraten freilich gewiss.

Renzi hat Grund zur Nervosität: Wenn zur Urwahl am Sonntag nur die alteingesessenen Parteimitglieder gehen, werden sein Sieg und sein anschließendes Gestaltungspotenzial dünn ausfallen. Renzis Klientel sind die Jungen und die Beweglichen zwischen rechts und links, die tatsächlich Veränderungen wollen. Wählen darf jeder, der mindestens 16 Jahre alt ist; Parteimitgliedschaft ist nicht erforderlich. Das kommt Renzi zugute. Falls aber keiner der drei Kandidaten über 50 Prozent der Stimmen einfährt, bestimmt am Sonntag darauf eine Parteiversammlung den Sieger. Dann käme wieder die alte, gut geölte Parteimaschinerie zum Zug. Mit ihren Kungeleien, ihrem Proporzdenken, ihren Intrigen. Und sie mag Renzi nicht besonders. Paul Kreiner

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