Italiens und Frankreichs Rechte : Lob der Horde

Während Europas Feuilletons diskutieren, welchen Anteil extremistische Islamkritik und Islamophobie am Massaker von Norwegen haben, sehen manche keinen Grund, auf Abstand zu gehen.

In Frankreich gab der Regionalpolitiker der rechtsextremen Front National Jacques Coutela im Internet zum Besten, dass der Attentäter „ein Widerstandskämpfer, eine Ikone“ sei, der „gegen die muslimische Invasion“ kämpfe. In Italien ist Ähnliches sogar aus dem Regierungslager zu hören.

Mario Borghezio, der für die rechtspopulistische und fremdenfeindliche Lega Nord im Europaparlament sitzt, spendete dem Mörder von Oslo und Utöya im Radio Beifall: „Viele seiner Gedanken sind gut, einige ausgezeichnet. Dass sie sich in Gewalt entladen haben, daran ist die Migrantenflut schuld.“ Die empörten Reaktionen veranlassten Borghezio zum Vorwurf, hinter Breiviks Tat steckten vielmehr dessen Gegner: Man müsse nur „eins und eins zusammenzählen, um zu merken, dass dieses Massaker benutzt wird“, anders sei nicht zu erklären, dass Breivik sich so frei habe bewegen können. Die Tat eines „Verrückten“ diene dazu, „Positionen zu kriminalisieren, die auch Oriana Fallaci vertreten hat“.

Die Journalistin und Schriftstellerin Fallaci hatte vor einigen Jahren großen Erfolg mit Büchern wie „Die Wut und der Stolz“, in denen sie den Untergang Europas durch die Einwanderung von Muslimen beschwor und den Islam als aggressiv und rückwärtsgewandt brandmarkte . Zwei Minister der Lega im Kabinett Berlusconi, Roberto Calderoli und Roberto Maroni, distanzierten sich von Borghezio, Calderoli entschuldigte sich in Norwegen – allerdings ohne weitere Sanktionen für den Straßburger Parteifreund auch nur zu nennen.

Borghezio war ohnedies nicht der Einzige aus dem Regierungslager, den die Ereignisse in Norwegen zu merkwürdigen Einschätzungen inspirierten. Vittorio Feltri hat als Chefredakteur der Tageszeitung „Il Giornale“ bisher meist Proben dafür abgeliefert, dass er des Lied singt, des Brot er isst. „Il Giornale“ gehört der Familie Berlusconi. Feltri ruinierte vor zwei Jahren die Karriere eines Kollegen mit einer Kampagne, der sei schwul. Dino Boffo, Chefredakteur der katholischen Zeitung „L’Avvenire“, hatte schüchtern Kritik an den Orgien im römischen Stadtpalast von Premier Berlusconi geäußert – er musste nach der Kampagne gehen.

Im norwegischen Fall zeigte sich Feltri nun erstaunt, wie ein „Irrer“ in der Lage war, so viele junge Leute „in einer halben Stunde zu töten, ohne auch nur auf den geringsten Widerstand zu stoßen“. Hätten sich nur fünfzig von 500 auf den Mörder gestürzt, wären vielleicht „einige von ihnen sicher niedergestreckt“ worden, aber die übrigen, „sagen wir 30 bis 40“, hätten ihn mit bloßen Händen niedergemacht. Feltri ist sich sicher, dass es den jungen Opfern an animalischem Hordeninstinkt mangelte: Während Tiere „instinktiv das Interesse des Rudels vor das des Einzelnen“ stellten, sei der heutige Mensch wohl nicht mehr fähig, „zugunsten der Gemeinschaft zu kämpfen, zu der er gehört“ und „sich für sie zu opfern“. (ade)

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