Politik : Itar-Tass zufolge wurden bis zu 50 Zivilisten getötet

Ministerpräsident Putin schließt ein rasches Ende des Tschetschenien-Krieges inzwischen aus

Bei dem Beschuss eines Flüchtlingskonvois in Tschetschenien durch russische Streitkräfte sind am Freitag einem Bericht der Nachrichtenagentur Itar-Tass zufolge bis zu 50 Zivilisten getötet worden. Die Menschen hätten versucht, aus der unter schwerem Beschuss liegenden Hauptstadt Grosny zu entkommen. Die Kolonne aus sieben bis acht Fahrzeugen mit Flüchtlingen sei auf der Fernstraße südlich von Grosny unter russischen Beschuss geraten. Die Todesopfer und etwa zehn Verwundete habe es in einem Bus gegeben, der durch den Beschuss in Brand geraten sei. Zu dem Bericht gab es zunächst keine offizielle Stellungnahme des russischen Militärs. In dem vor neun Wochen begonnenen russischen Feldzug waren schon mehrmals Flüchtlinge von russischen Truppen beschossen worden.

Nach Angaben der Moskauer Nachrichtenagentur Interfax bombardierte die russische Luftwaffe seit Freitagmorgen intensiv die Straßen südlich von Grosny. Luft-Boden-Raketen seien auf alle beweglichen Ziele auf den Straßen abgeschossen worden. Beobachter hätten dort mindestens elf brennende Fahrzeuge gezählt.

Nach heftigen Kämpfen haben russische Truppen unterdessen offenbar die tschetschenische Stadt Argun eingenommen und damit eine weiteren strategisch wichtigen Sieg bei ihrem Vormarsch auf Grosny errungen. Der stellvertretende russische Generalstabschef Walerij Manilow erklärte am Freitag gegenüber Interfax, die russischen Soldaten hätten am Morgen mit der "Säuberung" von Argun begonnen. Der militärische Berater von Tschetscheniens Präsident Aslan Maschadow, Aslambek Ismajlow, hatte zuvor gesagt, die tschetschenischen Kämpfer hätten sich aus taktischen Gründen aus der rund acht Kilometer östlich von Grosny gelegenen Stadt zurückgezogen. Auch den strategisch wichtigen Ort Alchan-Jurt an der Straße von Grosny in Tschetscheniens Nachbarrepublik Inguschetien hätten die Kämpfer verlassen.

"In Argun ist kein einziger tschetschenischer Soldat", sagte Ismajlow der Nachrichtenagentur AFP. Damit sollten Verluste in den Reihen der tschetschenischen Streitkräfte vermieden werden. Die Kämpfer aus Argun und Alchan-Jurt hätten sich in Urus-Martan und in Grosny versammelt. Sollte es den russischen Truppen gelingen, auch noch Urus-Martan sowie den Ort Schali einzunehmen, wäre die nach russischen Angaben bereits zu rund 80 Prozent umschlossene Hauptstadt Grosny völlig eingekreist.

Die russische Militär-Nachrichtenagentur AWN hatte am Donnerstag heftige Kämpfe um Argun gemeldet, bei denen 35 bis 50 russische Soldaten getötet und mehr als hundert verletzt worden seien. Die russischen Truppen seien nach mehrtägigen Kämpfen in Argun einmarschiert und dort auf unerwartet starken Widerstand gestoßen. Das Verteidigungsministerium in Moskau hatte die Meldung von den getöteten Soldaten dementiert.

Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin schloss ein rasches Ende des Tschetschenien-Krieges inzwischen aus. Russlands Feldzug gegen die abtrünnige Kaukasus-Republik werde fortgesetzt, bis die letzten "Terroristen-Stützpunkte" dort vernichtet seien, schrieb Putin in einem Beitrag für die Londoner "Times" (Freitagausgabe). Es sei nicht Moskaus Ziel, den Status Tschetscheniens mit Gewalt zu entscheiden, betonte er. Bevor diese Frage jedoch geklärt werden könne, müssten die "kriminellen Banden" vernichtet werden.

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