Politik : IWF-Jahrestagung: Wer die IWF-Gegner sind und was sie in Prag planen

Paul Kreiner

IWF und Weltbank haben am Freitag ihr Jahrestreffen eingeleitet. Mehrere zehntausend Demonstranten sind zu erwarten. Viele in Prag haben Angst, die "Goldene Stadt" könnte brennen. Trotz aller Gegenmaßnahmen und Sicherheitsvorkehrungen haben angefangen von Staatspräsident Vaclav Havel über sämtliche politische Ränge abwärts alle vor allem die Medien beschuldigt: Sie hätten ein "Klima der Angst vor Gewalt und Chaos" verbreitet und die Tagung als "ungewolltes Kind" erscheinen lassen.

Die Polizei jedenfalls hat sich für das Schlimmste gerüstet. Schließlich weiß man, zu welchen Straßenkämpfen die Tagung der Welthandelsorganisation in Seattle geführt hat. Auch hat Ann Pettifor, die Sprecherin von "Jubilee 2000", im Frühjahr, nach dem G 7-Gipfel, angedroht, wegen der hartnäckigen Haltung der Industrieländer gegenüber der Dritten Welt würden die Proteste in Prag noch schlimmer ausfallen als in Seattle. Aber wer sind eigentlich diese Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), die in Prag auftreten. Vor allem: Was wollen sie?

Da ist zum einen die tschechische Inpeg, die "Initiative gegen wirtschaftliche Globalisierung". Seit Wochen versucht sie, ihre Landsleute auf das Kommende einzustellen. Theaterstücke auf den Straßen sollen illustrieren, wie reiche Länder über gezielte Steuerung ihres Kapitals die armen ausbeuten, die Menschenrechte mit Füßen treten und die globale Umweltzerstörung fördern. Inpeg ist eine sehr bunte Vereinigung. Von der kommunistischen Jugend über Ökogruppen bis hin zu Anarcho-Verbänden ist so ziemlich alles in ihr vertreten, was sich in Tschechien gegen den IWF mobilisieren lässt. Gewalt lehnt man ab: "Aber wenn die Polizei anfängt, werden wir uns wehren."

Vertretung der Werktätigen der Welt

Ähnlich zweideutig fällt der Demonstrationsaufruf von "Erlassjahr 2000" aus. Diese christlich-ökumenische Kampagne in Deutschland und Österreich gehört zu "Jubilee 2000" und verlangt mit Verweis auf die Bibel eine Schuldentilgung für die ärmeren Länder. Zwar gibt es auch in ihr den Appell zur Gewaltfreiheit; der österreichische Ableger formuliert neuerdings aber nur noch, man suche in Prag "mit Entschlossenheit eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Weltfinanzorganisationen."

Als weitere Großorganisation unter den Demonstranten tritt die Gruppe "Destroy IMF" auf. Sie bezeichnet sich als legitime Vertretung der Werktätigen in aller Welt und gibt freimütig zu, dass sie über die Form ihrer Interessenvertretung nicht einig ist: Gewalt? Gewaltverzicht? "Unser einer Flügel sagt ..., unser anderer Flügel sagt ..." Jedenfalls veröffentlicht "Destroy IMF" im Internet Tausend goldene Ratschläge für Demonstrationsteilnehmer - unter anderem, wie man sich gegen "Attacken der Polizei mit chemischen Waffen" schützen sollen. Und was sie anziehen sollen: "Feste Schuhe, in denen ihr schnell rennen könnt." Darüber hinaus gibt es zahlreiche andere Organisationen, die in Prag ihren Unmut kundgeben wollen, auch solche, die sich dezidiert für die "Aneignung und Zerstörung kapitalistischen Großeigentums" aussprechen.

Die Demonstranten, das wäre der Stadt am liebsten, sollen sich die ganze Zeit über in ihrem Strahov-Stadion aufhalten, zehn Kilometer vom Kongresszentrum entfernt. In dem gigantischen Relikt aus den dreißiger Jahren haben 200 000 Menschen Platz. Großzelte für Unterkunft und Verpflegung sind aufgestellt. Dort soll am Wochenende auch der "Gegengipfel" der Protest-Organisationen stattfinden. Enden soll er in einem "Karnevalszug", natürlich mitten in der Stadt. Und besonders lustig soll es am Dienstag kommender Woche zugehen. Da beginnt der offizielle Teil des IWF-Treffens - es soll der Höhepunkt aller "Direkt-Aktionen" werden. Oder der Tiefpunkt, je nachdem.

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