Politik : IWF-Tagung: Verletzte bei Protesten in Prag

Ludmila Rakusan

Die lange befürchtete Schlacht um das Prager Kongresszentrum, in dem der Internationale Währungsfonds IWF und die Weltbank ihre Jahrestagung abhalten, brach am Dienstagnachmittag los. Von drei Seiten versuchten Protestzüge von insgesamt fünf bis sechstausend Globalisierungs-Gegnern zum Tagungsort vorzudringen. Bald flogen Pflastersteine und Molotow-Cocktails durch die Luft. Die geballte Staatsmacht formierte sich am Anfang einer Stadtautobahnbrücke, die zum Kongresszentrum führt, und blockierte auch alle anderen Zugangsstrassen. Wasserwerfer und Trenngas wurden eingesetzt. Dutzende Verletzte mussten in Krankenhäusern versorgt werden.

Noch am Vormittag schaute alles noch anders aus; man glaubte schon, die erwarteten Proteste könnten ausbleiben. "Mit Prag haben diese steinreichen Nabobs eine hervorragende Wahl getroffen", meinte deshalb der 21-jährige Soziologiestudent Zdenek bitter: "Hier sind es die Leute doch überhaupt nicht gewohnt, mit ihrer Meinung an die Öffentlichkeit zu gehen." Auch Alexandra aus Köln, die nach Prag kam, um für die Arbeiterinternationale zu werben, bedauerte, dass die Gewerkschaften, die bei den Protesten vor einem Jahr in Seattle sehr aktiv waren, in Tschechien nicht einmal ihre Anhänger mobilisierten. Zu diesem Zeitpunkt war der Platz des Friedens in der Prager Innestadt, von der "Initiative gegen Ökonomische Globalisierung" (INPEG) zum "Epizentrum der weltweiten Protestwelle gegen den Kapitalismus" erklärt, noch von nur einigen Hundert Menschen bevölkert. Es waren Anarchisten, Punks und Linksradikale vorwiegend aus Deutschland, Italien und den USA. Unter den Einheimischen waren Presseleute, Beobachter aus Menschenrechtsgruppen und eingeschleuste Geheimpolizisten eindeutig in der Überzahl.

Die ausgelassene Stimmung wurde über Lautsprecher von rhythmischer Musik angeheizt. Es sah eher nach einem friedlichen Jahrmarkt linker Ideologien und Patentlösungen aus, als nach Lust auf Gewalt und Ausschreitungen. "Seien wir Realisten und verlangen das Unmögliche!", verkündete etwa die altbekannte Parole aus den 60ern. Im Gegensatz zu damals war diesmal der Feind aber klar definiert: Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank - von den Demonstranten als blutrünstige Wölfe oder fette Schweine aus Pappmaschee dargestellt. Die beiden Institutionen müssten abgeschafft werden, forderten die Demonstranten. Die IWF- und Weltbank-Vertreter, so die Organisatoren der Prager Proteste, sollten sich ungestört im Kongresszentrum versammeln können. Dort aber sollten sie von den Globalisierungs-Gegnern so lange belagert werden, "bis sie zur Einsicht gelangen und ihre internationalen Werkzeuge der globalen Ausbeutung" selber abschafften.

"Das ist natürlich symbolisch gemeint", erklärt dazu ein junger Holländer, der sonst in Brüssel im Auftrag der Grünen für den armen Süden seine Lobby-Arbeit leistet: "Ohne deutliche Proteste aber würden die hohen Tiere ihren Kritikern doch nie zuhören und Reformen einleiten". Deswegen sei auch Jan dabei. Das "Schlachtfeld" in spe hatte er bereits am Vortag inspiziert, als er im Kongresszentrum an einem Seminar zum Schuldenerlass für die dritte Welt mit dem Weltbankchef James Wolfensohn teilnahm. Die rund um das Kongresszentrum postierten Polizisten hätten, so Jan, "schon vorab ängstliche, nervöse Augen".

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