Politik : IWF-Tagung: Wachstum ist gut für die Armen (Leitartikel)

Rainer Hank

Das Thema ist etwas aus der Mode geraten - der Missstand nicht. Inmitten großen Überflusses gibt es in der Welt große Armut. Von den sechs Milliarden Menschen der Erde leben 2,8 Milliarden - also fast die Hälfte - von weniger als zwei Dollar am Tag. Nach der Definition der Weltbank sind Menschen arm, wenn sie nicht mehr als einen Dollar täglich zur Verfügung haben: Das sind immer noch 1,2 Milliarden Menschen. Knapp die Hälfte von ihnen lebt in Südasien. Wer arm ist, muss häufig körperlich mehr arbeiten als die Reichen. Er ist deshalb anfälliger für Krankheiten. Wer viel krank ist, stirbt früher.

Mit den Problemen der Armen beschäftigt sich nun die Agentur der Reichen: Die Jahrestagung von Währungsfonds IWF und Weltbank, die in dieser Woche in Prag beginnt, hat sich die Bekämpfung der Armut zum Thema gesetzt. Weltbank und Währungsfonds haben aber nicht nur ein Thema, sondern auch eine These. Sie ist so einfach wie umstritten: Gut für die Armen ist Wachstum, Wachstum und noch einmal Wachstum. Prag wird der Ort sein, wo diese Wachstumsthese sich dem Einspruch der Globalisierungsgegner stellen muss. Es ist zu hoffen, dass der Widerspruch sich mit Worten und Argumenten artikuliert - und nicht mit Steinen und Randale wie in Seattle vor einem knappen Jahr oder in Melbourne vor wenigen Tagen. Zumal die Weltbank genau das tut, was die Demonstranten wollen: Sie nimmt sich vor zu helfen.

Aber wer der armen Welt helfen will, sollte der reichen Welt nicht zu Protektionismus raten: Nichts anderes verbirgt sich hinter der Aufforderung vieler Wohlmeinender zur Einführung von Mindestnormen für Arbeit und Umwelt. Wer Kinderarbeit in den armen Ländern bannt, verfolgt ein gutes Ziel. Aber ein generelles Verbot der Kinderarbeit triebe viele Familien, die auf dieses Einkommen angewiesen sind, in noch größere Armut. Besser wäre es, über Wege nachzudenken, solchen Familien zinsgünstige Kredite zu geben, damit deren Kinder Schulen und Universitäten besuchen können. So etwas verbirgt sich hinter dem Schlagwort des "Empowerment" (Ermächtigung), mit dem die Weltbank jetzt zur Armutsbekämpfung aufruft.

Die beste Voraussetzung für Wachstum aber ist eine radikale Öffnung der Staaten für ausländische Direktinvestitionen, ein Abbau aller Zollschranken und Handelshemmnisse und eine weitgehende Liberalisierung der Binnenmärkte. Das ist das Gegenteil von Protektionismus. Eine makroökonomisch stabile Politik, die Inflation verhindert und Fiskaldisziplin fördert, nützt den Armen mehr als eine Politik vermeintlich staatlicher Wohltaten, die insgesamt das Wachstum dämpft. Diese Therapie geht auch dann auf, wenn nicht gleichzeitig alle anderen Staaten sich an der Liberalisierung beteiligen. Die Öffnung der Märkte ist nicht auf multilaterale Abkommen angewiesen. Das setzt einen stabilen rechtlichen Rahmen voraus, der Eigentum schützt und Vertragsfreiheit garantiert. Demokratie und unabhängige Gerichtsbarkeit sind besser für die Armen als Diktatur und Korruption.

Dass Wachstum gut für die Armen ist, lässt sich weder empirisch noch historisch bezweifeln. Wo immer eine Wirtschaftspolitik auf Wachstum setzt, hatte dies eine Verbesserung des Wohlstands für alle zur Folge. Das war in England im 19. Jahrhundert nicht andes als in den asiatischen Tigerstaaten im 20. Jahrhundert. Es gilt für Argentinien und Chile in Lateinamerika oder Estland und Tschechien im Osten Europas. Für die Gegner der Liberalisierung lohnt ein Besuch dieser Länder vielleicht mehr als der Protest gegen IWF und Weltbank.

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