Politik : Jagd auf Karadzic: Das Phantom

Der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic, der ganz oben auf der Fahndungsliste des UN-Tribunals steht, bleibt vorerst ein gesuchtes Phantom. Der frühere Kriegsherr, den ultranationalistische Landsleute glühend verehren, soll sich Gerüchten zufolge mit seinen Leibwächtern im Südosten Bosniens versteckt halten.

Der 56 Jahre alte Psychiater wird für den Tod von mehreren zehntausend Menschen verantwortlich gemacht, die wegen seiner extremistischen Kriegspolitik in Bosnien-Herzegowina 1992 bis 1995 gestorben sind. Bereits seit Juli 1995 hat das UN-Tribunal den Mann mit der wehenden Mähne deshalb wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstößen gegen das Kriegsvölkerrecht angeklagt.

Karadzic studierte 1974/75 auch an der Columbia University in New York und verdingte sich als psychologischer Betreuer des FC Barcelona. In den staatlichen Kliniken Jugoslawiens spezialisierte er sich auf Neurosen und Depressionen, bevor er sich in Sarajevo selbstständig machte.

Während des Bosnien-Kriegs narrte Karadzic reihenweise die Vermittler der internationalen Gemeinschaft mit angeblicher Friedensbereitschaft. Auch nach seinem Rücktritt, der 1996 durch den Dayton-Friedensvertrag erzwungen wurde, hat der Gründer der nationalistischen Serbenpartei SDS zunächst weiter Fäden der Politik aus dem Hintergrund gezogen. Dabei unterstützten ihn Marionetten, die in den wichtigsten Ämtern verblieben waren.

Der gebürtige Montenegriner Karadzic konnte so schwer bewacht sein kleines Finanzimperium dirigieren, das er während des Kriegs aufgebaut hatte. Paradox war, dass Karadzic mit seinem Monopol auf Baufirmen ausgerechnet am Wiederaufbau des Landes mitverdiente, zu dessen Zerstörung er maßgeblich beigetragen hat.

Karadzic trage keine Verantwortung für den bosnischen "Bürgerkrieg", schrieb seine Frau Ljiljana Zelen-Karadzic in einer Erklärung, als sich Gerüchte über einen Festnahmeversuch verdichteten. Und weiter: "Selbst wenn er etwas bezeugen könnte, würde er gegen niemanden aussagen, also auch nicht gegen Milosevic."

Ein Urteil ist über den Serbenführer bereits gefällt: Ein US-Bundesgericht in New York verurteilte Karadzic im August 2000 zur Zahlung von 745 Millionen US-Dollar Schmerzensgeld. Geklagt hatten mehrere moslemische und kroatische Frauen, die während des Bosnien-Krieges gefoltert und vergewaltigt wurden.

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